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Rechte Gewalt - 182 Tote klagen an

Ein kleiner Park direkt gegenüber des Leipziger Hauptbahnhofs. Es ist kurz nach halb zwei in einer Oktobernacht des vergangenen Jahres. Die betrunkenen Marcus E. und Daniel K. suchen Streit und finden ein geeignetes Opfer: Kamal Kilade, ein 19-jähriger Iraker. Sie pöbeln den jungen Mann an, attackieren ihn mit Pfefferspray. Als der Iraker sich wehrt, sticht Marcus E. mit einem Klappmesser zu. Kilade wird schwer verletzt ins Universitätsklinikum eingeliefert, wo er am nächsten Tag stirbt. Marcus E. und Daniel K. werden am Tatort festgenommen. Die Polizei kennt die beiden - sie sind vorbestrafte Neonazis.

Trotzdem nennen die Ermittler den Grund für Kilades Tod ein «zufälliges Zusammentreffen». Einen rechtsextremen Hintergrund erkennen sie nicht. Die Anklage lautete vor Prozess auf Totschlag. Vertreter linkspolitischer Gruppierungen und Ausländer laufen Sturm. Sie können nicht fassen, wieso die Staatsanwaltschaft die Augen vor dem offensichtlichen Zusammenhang zwischen Kilades Herkunft und der rechten Gesinnung von Marcus E. verschließt.

Sie finden ihren Frieden schließlich im Urteil: Die Richter gehen einen erheblichen Schritt weiter als die Anklage fordert - sie verurteilen Marcus E. wegen ausländerfeindlich motivierten Mordes. Der Vorsitzende Richter Hans Jagenlauf sagt, der Angeklagte hätte zugestochen, weil sich sein «Kamerad» im Kampf mit einem Ausländer befunden habe. Marcus E. bekommt 13 Jahre und eine anschließende Sicherheitsverwahrung, sein Kamerad Daniel F. muss für drei Jahre ins Gefängnis.

Kamal ist einer von über 180 Mordopfern

182 Todesopfer rechtsextremer Gewalt haben Experten der Amadeu Antonio Stiftung und Journalisten des Magazins Stern seit der Wiedervereinigung in Deutschland gezählt. Die Zahlen veröffentlichen sie auf der Internetseite Mut gegen rechte Gewalt. Mit ihrer inoffiziellen Statistik kommen sie in ganz andere Dimensionen als die offizielle Zählung. Woran das liegt, ist schnell klar: Die Amadeu Antonio Stiftung arbeitet deutschlandweit mit Opferverbänden zusammen. So kommen sie an Informationen direkt von den Betroffenen oder ihren Angehörigen. Wenn Zeugen berichten, dass sie von Neonazis angegriffen wurden, dann glauben ihnen die Mitarbeiter der Stiftung.

Vorreiter im Sammeln und Veröffentlichen inoffizieller Daten waren der Berliner Tagesspiegel und die Frankfurter Rundschau. Im Jahr 2000 erschienen erstmals ihre eigenen Recherchen zu Todesopfern rechter Gewalt seit 1990. Auf die Zahlen stützt sich auch die Statistik von Mut gegen rechte Gewalt, die seit 2004 existiert. Die Zahlen werden kontinuierlich überprüft, aktualisiert und erweitert. Erst Ende November korrigierten die Verantwortlichen die Zahlen nach oben, weil die Morde der sogenannten Zwickauer Zelle mit aufgenommen wurden.

Polizisten als Nestbeschmutzer

Parallel veröffentlichen auch der Tagesspiegel und die Zeit ihre eigenen Zahlen, die aktuell bei 148 Toten liegt. Eine Mitarbeiterin der Amadeu Antonio Stiftung erklärt gegenüber news.de, welche Schwierigkeiten in der Bewertung der Todesfälle bestehen. «Wenn ein Nazi seine Freundin umbringt, ist das kein rassistischer Mord, obwohl ein Rassist beteiligt ist». Viele Polizisten würden einen rassistischen Mord oft nur anerkennen, wenn die Täter dem Opfer ein «Hakenkreuz in die Haut ritzen». Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo zwischen den verschiedenen Angaben.

Ganz sicher ist aber: Die Zahl der Todesopfer rechter Gewalt liegt erheblich höher als offizielle Behörden behaupten. Darin ist Kilade nur das 48. Todesopfer rechter Gewalt seit 1990. Schon bei der ersten Untersuchung eines Vorfalls, egal ob es sich um Mord, Totschlag oder eine Prügelei handelt, müssen die Polizisten vor Ort angeben, ob es sich um eine «politisch motivierte Kriminalität rechts» handelt, wie es im Beamtendeutsch heißt. Oft fehlen den Polizisten an der Basis allerdings die Kompetenzen, um den Fall objektiv zu bewerten. In anderen Fällen gibt es Druck von der Staatsanwaltschaft oder der Politik - nicht selten gelten Polizisten als Nestbeschmutzer, wenn sie ihre Heimatstadt in die nationalen Zeitungen bringen, weil sie einen rechtsextrem motivierten Mord aufdecken wollen.

[news.de] · 04.12.2011 · 08:37 Uhr
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