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Rechte Burschenschaft - «Der Nationalismus ist mir zuwider»

Wer war Dietrich Bonhoeffer? Die Antwort der meisten Menschen dürfte lauten: Bonhoeffer war ein Theologe und NS-Widerstandskämpfer, der dafür noch in den letzten Kriegstagen hingerichtet wurde. Burschenschafter Norbert Weidner jedoch hat darauf eine andere Antwort: Für ihn war Bonhoeffer ein «Landesverräter». Nun ist Weidner nicht irgendein Bursche, sondern «Schriftleiter» der Burschenschaftlichen Blätter, also Chefredakteur der Verbandszeitung. Und hat auf einen Artikel in seiner eigenen Postille, in dem die Burschenschaftsgeschichte von Bonhoeffer beschrieben wurde, mit einem Leserbrief geantwortet, in dem er den Widerstandskämpfer verunglimpfte.

Es war der Funke, der das Pulverfass der Deutschen Burschenschaft zur Explosion brachte. Der Dachverband der Studentenverbindungen, in dem rund 115 Burschenschaften und mehr als 10.000 Mitglieder organisiert sind, kämpft seit Jahrzehnten um seine Ausrichtung. Rechtsextremer und liberalerer Flügel wollten die Oberhand gewinnen. Im vergangenen Jahr kam es zum Streit um den Ariernachweis für neue Burschenschafter, der aber glimpflich ausging. In diesem Jahr kam es beim Burschentag in Eisenach, der Hauptversammlung des Verbands, am vergangenen Wochenende zum Eklat. Weil Weidner von einer Mehrheit der Burschen in seinem Amt als Schriftleiter bestätigt wurde, trat ein Großteil des liberaleren Vorstands der Burschenschaft zurück.

Auch Pressereferent Michael Schmidt legte sein Amt nieder. Im Interview erklärt der Burschenschafter, warum er sich zurückzog, wie er die Zukunft der Burschenschaft einschätzt und warum er trotzdem Bursche bleiben möchte.

Warum sind Sie zurückgetreten?

Michael Schmidt: Nachdem Norbert Weidner auf dem Burschentag im Amt bestätigt worden war, war ich mir sicher, dass ich der Deutschen Burschenschaft in meiner Funktion nicht mehr dienen kann. Wenn man der Ansicht ist, dass man dem Verband mehr schadet als nützt, sollte man meiner Meinung nach zurücktreten. Ich konnte und wollte einfach keine Sprachregelung mehr finden, die ich in der Kommunikation mit den Medien vertreten kann. Das war in der Vergangenheit bereits schwierig, aber diesmal unmöglich für mich. Immer wieder kommen gewisse Themen und Positionen von bestimmten Burschenschaften auf, mein Name wird in der Presse damit verbunden. Ich habe entschieden, dass ich meinen Namen nicht mehr dafür hergeben will.

Das heißt, Sie wollten keine offenkundig rassistischen Positionen mehr vertreten?

Schmidt: Als Pressereferent muss ich natürlich auch Positionen vertreten, die nicht immer meiner Privatmeinung entsprechen. Ich glaube übrigens nicht, dass die Mehrheit der Burschenschafter inhaltlich die Wertung von Norbert Weidner unterstützt, Dietrich Bonhoeffer sei ein «Landesverräter» gewesen. Da werden auch Stellvertreterkriege geführt, aber in der Öffentlichkeit kommt die Bestätigung im Amt auch als inhaltliche Unterstützung an. Dahinter kann ich nicht mehr stehen.

2011 die Debatte um den Ariernachweis, 2012 der Rechtsruck durch den Skandal um die Bonhoeffer-Bewertung. Wie sieht die Zukunft der Burschenschaft aus?

Schmidt: Die Debatte war so heftig, dass einzelne Bünde jetzt sicher über einen Austritt aus der Deutschen Burschenschaft nachdenken. Ein außerordentlicher Burschentag ist als Zukunftskongress zum Jahresende einberufen worden, spätestens danach werden einige Bünde Konsequenzen ziehen, denke ich.

Sind Sie immer noch gern Burschenschafter?

Schmidt: Ich bin voller Überzeugung Burschenschafter. Ich brauche dafür auch keinen Verband, sondern meine Burschenschaft und einige Gleichgesinnte. Ich schätze den Lebensbund, die lebenslange Freundschaft und den Austausch, das Miteinander von Alt und Jung, die geselligen Veranstaltungen und den politischen Meinungsaustausch. Auch die traditionellen Aspekte spielen eine Rolle: die Liebe zum Vaterland, die Nähe und Bewahrung deutscher Kultur und deutschen Brauchtums - auch in Zeiten, in denen Multikulti-Politik betrieben wird. Diese Dinge sind zeitlos.

Was stört Sie?

Schmidt: Ich kann nichts damit anfangen, wenn der Begriff einer deutschen Kulturnation deckungsgleich mit dem einer deutschen Staatsnation verwendet wird. Also wenn etwa revisionistische Gebietsansprüche in Betracht gezogen werden. Die Über-Alles-Stellung des nationalistischen Gedankens allein, diese glorifizierende, einzig rückwärtsgewandte Sicht auf die Dinge ist mir persönlich zuwider. Ich bin keine Kriegsgeneration mehr, ich möchte in Kenntnis der Geschichte meinen Weg in die Zukunft gehen. Und vom Mengenverhältnis her möchte ich gern eher zu 90 Prozent meiner Zeit in die Zukunft schauen.

Michael Schmidt ist nun Pressesprecher der Initiative Burschenschaftliche Zukunft. Der Zusammenschluss besteht aus aktuell 24 Burschenschaften, die innerhalb des Dachverbands mit einer gemeinsamen, liberaleren Stimme sprechen wollen.

[news.de] · 06.06.2012 · 09:48 Uhr
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