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Psychologin: Traumatische Spuren werden bleiben

Die Erfurter Traumapsychologin Alina Wilms erklärt, wie die Schiffbrüchigen mit der Situation umgehen können.  Foto: Horst Galuschka/ ArchivGroßansicht

Berlin (dpa) - Wie können die Überlebenden des Schiffsunglücks in Italien das Ereignis verarbeiten? Mit welchen Folgen für die Psyche müssen sie rechnen? Die Erfurter Traumapsychologin Alina Wilms erklärt im Interview der Nachrichtenagentur dpa, wie die Schiffbrüchigen mit der Situation umgehen können.

Die Passagiere waren gerade beim Abendessen, als das Unglück passierte. Was haben die in dieser Situation psychisch durchgemacht?

Wilms: «Die mussten in dieser Situation komplett umschalten. Jeder, der so eine Kreuzfahrt schon mal mitgemacht hat, weiß, dass man die komplette Kontrolle abgibt. Man lässt sich verwöhnen, bekochen, da werden einem sogar die Koffer getragen. Und in dem Moment, als die Passagiere beim Essen realisiert haben, hier läuft was schief, mussten sie umstellen und die Kontrolle wieder selbst übernehmen, um ihr Überleben zu organisieren.»

Kann es sein, dass das gemeinsame Abendessen die Betroffenen weiter begleiten wird?

Wilms: «Es kann dazu führen, dass das Essen an sich zum "traumatischen Trigger" wird. Das bedeutet, dass jemand, der Schokoladeneis gegessen hat, möglicherweise künftig kein Schokoladeneis mehr isst, weil der Geschmack an den Anfang des traumatischen Ereignisses gekoppelt ist.»

Essen gehört zum Alltag dazu, muss ich die schlechten Gedanken, die ich damit verbinde, dann unterdrücken?

Wilms: «Psychologisch gesehen ist Vermeidung nicht hilfreich, weil sich dann die Angst wie ein krebsartiges Geschwür ausbreiten kann. Man hat dann nicht nur Angst vor Schiffen und Wasser. Es kann passieren, dass man dann immer mehr Orte meidet, die assoziativ mit dem Unglück verbunden sind. Das kann ein großer Eingriff in die Lebensqualität sein.»

Einige Vermisste waren stundenlang eingesperrt im Schiff. Wie schaffen die es, das Warten auf Rettung zu ertragen?

Wilms: «Diejenigen, die besonders lange ausharren mussten und eingesperrt waren, haben ein größeres Risiko, posttraumatische Belastungsstörungen zu entwickeln. Helfen können sie sich nur, indem sie so aktiv wie möglich sind. Also anstatt auszuharren, sich darüber unterhalten, was sie machen könnten, welche Möglichkeiten bestehen, so dass das Gefühl entsteht, zumindest durch Planung etwas zu tun.»

Wie wichtig ist es für die Betroffenen, im Nachhinein psychologisch betreut zu werden?

Wilms: «Für die Überlebenden ist es ganz wichtig, dass sie psychologische Informationen bekommen, also dass ihnen mitgeteilt wird, welche Symptome wahrscheinlich sind. Dazu gehören Alpträume, Schlaflosigkeit, Gereiztheit. Sie können dann verstehen, dass das normale Reaktionen der Psyche nach so einem Ereignis sind. Wenn die Symptome abgeklungen sind, kann es sein, dass sie zu dem einen Viertel sogenannter Selbstheiler gehören, die in der Lage sind, sich zu heilen. Aber bei vielen werden traumatische Spuren zurückbleiben. Für die ist es wichtig, dass sie sich fachgerechte psychotherapeutische Hilfe suchen.»

Schifffahrt / Unfälle / Italien
16.01.2012 · 08:02 Uhr
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