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Psychologin: Gaddafi wirkt realitätsfern und verwirrt

Regiert seit über 40 Jahren allein in Libyen: Staatschef Muammar al-Gaddafi. (Archivbild)Großansicht

Berlin (dpa) - Der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi gilt als launisch, aufbrausend und rechthaberisch. Auf Widerstand im eigenem Land reagiert er mit Gewalt, in der Öffentlichkeit meldet er sich mit bizarren Auftritten zu Wort, so dass ihm Bundespräsident Christian Wulff psychopathische Züge bescheinigte.

Corina Hausdorf ist freiberufliche Diplom-Psychologin und analysiert unter anderem Führungsstrukturen in der Wirtschaft. Für die Nachrichtenagentur dpa versucht die 35-Jährige zu ergründen, was Gaddafi zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist.

Wie beurteilen Sie Gaddafis wirre Fernsehauftritte?

Hausdorf: «Gaddafi wirkte in die Ecke gedrängt und auch etwas realitätsfern. Er schien nicht mehr in der Lage zu sein, die Situation in seinem Land richtig einschätzen zu können, um sinnvoll politisch handeln zu können. Durch harte Parolen wollte er seinen Willen demonstrieren, unbedingt an der Macht zu bleiben. Bei den letzten Auftritten wirkte er meiner Meinung nach auch etwas verwirrt, besonders bei dem Auftritt mit dem Regenschirm. Da stand keine starke Persönlichkeit, die genau überlegt hat, wie in dieser Situation sinnvoll zu agieren ist, sondern jemand, der aus Angst und Verzweiflung handelt.»

Wie würden sie jemandem mit einer ähnlichen Krise helfen?

Hausdorf: «Wahrscheinlich würde ich versuchen, seine Sicht auf sich selbst mit Fremdeinschätzungen zu vergleichen, dass heißt die Sicht anderer einholen, den Betroffenen damit konfrontieren und mit dem Klienten daran arbeiten: Warum gibt es Unterschiede zwischen der Sicht der Anderen und seiner Selbstwahrnehmung? Bei einer tiefgehenden Persönlichkeitsstörung hilft jedoch nur eine Psychotherapie.»

Gaddafi herrscht seit über 40 Jahren allein in Libyen. Wie verändert eine solche Stellung eine Persönlichkeit?

Hausdorf: «Solche Macht kann bedeuten, dass man sich seine Welt selbst schaffen kann, dass man eigene Regeln aufstellen kann und andere danach handeln. Den Großteil seines Lebens hat Gaddafi mit dieser Macht verbracht. Das prägt einen schon sehr. Diese Macht im Alter gefährdet zu sehen, kann sehr große Ängste auslösen.»

Was hat Gaddafi außerdem zu dem Menschen gemacht, der er heute ist?

Hausdorf: «Seine eigene Persönlichkeitsstruktur. Es kann auch sein, dass sein Selbstbewusstsein in der Kindheit nicht besonders gefördert wurde. Eine vollständige Diagnose kann man aus der Entfernung aber nicht stellen.»

Wie würde Gaddafi auf absoluten Machtverlust reagieren?

Hausdorf: «Das wäre natürlich eine große Gefährdung seines Lebensstils und seines Selbstkonzepts. Wenn sein Selbstkonzept auf seiner Macht beruht, kann seine Vorstellung von sich zusammenbrechen. So etwas kann eine große Krise hervorrufen - und das versucht eine Persönlichkeit eigentlich immer zu verhindern.»

Unruhen / Libyen
25.02.2011 · 22:05 Uhr
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