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Psychologe: Kumpel in Chile werden glücklicher sein

Caldera/Bergwerk San José (dpa) - Bei den in Chile verschütteten Bergleuten und ihren Angehörigen steigt die Vorfreude angesichts der nahenden Rettung. Am Mittwoch könnte der erste der «Helden der Tiefe» nach mehr als zwei Monaten im dunklen Gefängnis wieder den Himmel über der Atacama-Wüste sehen.

«Sie haben dem Tod ins Auge geschaut, und werden am Tag der Rettung so etwas wie eine Wiedergeburt erleben», sagte der Chefpsychologe des Rettungsteams, Alberto Iturra, der Nachrichtenagentur dpa. «Und in einem Jahr werden sie ein zufriedeneres Leben führen als vor dem Grubenunglück am 5. August.»

«Zurzeit überleben sie, weil sie über enge Versorgungsröhren wie durch eine Nabelschnur mit dem Nötigsten versorgt werden», sagt Iturra am Samstag in der Stadt Caldera am Pazifik. «Sie sind dem Tode von der Schippe gesprungen. Was sollten sie jetzt noch befürchten, wovor Angst haben?» Die Männer seien psychisch und körperlich sehr belastbar und besäßen vor allem eine große Selbstdisziplin.

Länger als zwei Wochen dauerte es, bis die Verschütteten nach dem Unglück entdeckt und dann versorgt wurden. «Sie haben 17 Tage nur von zwei Löffeln Thunfisch und einem Löffel Milch pro Tag und Person überlebt», erzählt Iturra. Der zu erwartende Medienansturm nach der Rettung werde die Bergarbeiter deshalb nicht aus der Bahn werfen. «Sie werden sehr glücklich sein.»

Am wichtigsten sei es, dass die Bergleute seit dem 5. August in der Tiefe die Erfahrung gemacht hätten, dass in Chile niemand aufgegeben werde und sie auf Hilfe rechnen konnten, erzählt Iturra von seinen fast täglichen Unterhaltungen über eine Sprechverbindung mit den Eingeschlossenen.

Das Schlüssel zum Erfolg bei der Stabilisierung der anfangs deprimierten Kumpel sei es gewesen, die psychologische Notbetreuung in eine Art Beschäftigungstherapie umzuwandeln. «Für sie war es von da an einfach eine extrem lange Schicht». Wichtig war dabei die Einführung und Befolgung einer Tagesroutine, die sich in Zeiten des Schlafens, der Arbeit und von Freizeit unterteilte. Ein Zeichen seelischer Gesundheit ist dabei für Iturra, dass die Bergleute trotz der harten Lebensumstände unter Tage ihren Humor und ihre Höflichkeit bewahrt hätten. «Sie halten sich sauber und machen sich extra schick, wenn sie über das Bildtelefon mit ihren Frauen sprechen.»

Es habe aber auch viele schwierige Augenblicke während der monatelangen Betreuung unter Tage gegeben. Die Sehnsucht nach ihren Kinder, Eltern und Frauen sowie komplizierte Liebesverhältnisse hätten den Eingeschlossenen und deren Angehörigen sehr zugesetzt.

«Ich habe fast jeden Tag geweint» erzählt der Psychologe über seine eigene Reaktion auf die vielen menschlichen Dramen. «Einmal sagte mir einer von ihnen, seine zweijährige Tochter sei traurig, weil sie seine Stimme so lange nicht gehört habe», erzählt Iturra. «Wir fanden das Mädchen mit dem Rest ihrer Familie bei der Mine. Das kleine Mädchen erschien bockig und verschlossen. Aber als sie die Stimme ihres Vaters hörte, begann ihr Gesicht vor Freude zu leuchten. Solche Geschichten habe ich hier fast jeden Tag erlebt.»

Notfälle / Chile
10.10.2010 · 21:32 Uhr
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