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Prozess um Concorde-Katastrophe

Concorde-Absturz: Weißer Qualm steht im Juli 2000 über der Unglücksstelle.Großansicht
Pontoise (dpa) - Der Traumflug nach New York mit der Concorde endete für 97 deutsche Urlauber in einem Inferno. Kurz nach dem Start in Paris stürzte der legendäre Überschalljet brennend in ein Hotel.

Fast zehn Jahre danach hat am Dienstag bei Paris der Prozess gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen der Katastrophe begonnen, die das Ende der Überschall-Ära im Flugverkehr einläutete. Das Verfahren droht vom Start weg im Expertenstreit zu versinken.

Zwei mit insgesamt 534 Beweisstücken belegte Versionen des Unfallhergangs stehen sich unversöhnlich gegenüber. Angeklagt sind die US-Fluggesellschaft Continental Airlines und zwei ihrer Techniker, ein ehemaliger Mitarbeiter des DGAC und zwei Verantwortliche des Concorde-Programms des Herstellers Aérospatiale.

Die Concorde der Air France war am 25. Juli 2000 vom Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle gestartet. An Bord waren 100 Passagiere, darunter 97 Deutsche, sowie neun Besatzungsmitglieder. Schon vor dem Abheben fing das schlanke Flugzeug Feuer. Der Pilot versuchte, auf dem wenige Kilometer entfernten alten Flughafen Le Bourget zu landen. Doch auf halbem Wege raste das Flugzeug in Gonesse mit einem riesigen Feuerschweif in ein Hotel. 113 Menschen starben in den Trümmern, darunter vier aus dem Hotel.

Doch warum wurde der Tank des Traumfliegers aufgerissen - und wann? Für die Pariser Unfallermittler ist die Sache klar: Beim Start rollte die Concorde über eine Metall-Lamelle, die von einer alten DC-10 der US-Fluggesellschaft Continental abgefallen war. Die Lamelle war bei der Reparatur des Schubumkehr-Mantels offenbar unsachgerecht an die DC-10 angebracht worden. Und sie war aus dem falschen Material: steifem Titan. Die Folgen waren tödlich: Ein Reifen der Concorde platzte, Reifenteile durchschlugen den im Flügel eingebauten Tank und der ausströmende Treibstoff fing Feuer. Ist also Continental Schuld?

Alles Unsinn, sagt der von Continental engagierte Staranwalt Olivier Metzner. Die Concorde habe schon 800 Meter vor der Stelle gebrannt, wo die DC-10 das Metallstück verloren hatte. Dafür gebe es Dutzende Augenzeugen. Der Reifen soll zerfetzt sein, als die Concorde über eine - nach dem Unglück eingeebnete - Bodenstufe in der Rollbahn fuhr. Oder ein Wasserabweiser löste sich vom Fahrwerk und durchschlug den Tank. Nach dieser Version trägt Air France große Schuld. Deren Techniker hatten beim Warten der Concorde vergessen, einen Ring zwischen den Rädern zu montieren, der das Flattern der Reifen beim Start verhindern soll. Außerdem war das Flugzeug überladen. Der Stoß von der Bodenstufe besorgte dann den Rest.

Anwälte des Continental-Mitarbeiters Stanley Ford erklärten, es könne nicht sein, dass die Aussagen von 23 Mitarbeitern des Flughafens ignoriert würden, die das Flugzeug schon brennen sahen, bevor die Maschine das Metallstück erreichte. Ford habe acht Jahre lang die Daten der Flugschreiber nicht einsehen dürfen. Experten des US-Luftfahrtamts FAA hätten erklärt, die Flugdaten würden Continental entlasten. Ihre Erklärung werde aber nicht berücksichtigt.

Der Anwalt der Familie des Concorde-Flugkapitäns Christian Marty äußerte die Überzeugung, dass die Katastrophe hätte verhindert werden können. «Man kannte die Schwächen der Concorde seit mehr als 20 Jahren», sagte Verteidiger Roland Rappaport. Ein Flugzeug dürfe nicht nur wegen eines geplatzten Reifens abstürzen.

In 24 Betriebsjahren vor dem Unfall hatte es immerhin 65 Vorfälle mit den Reifen oder Rädern gegeben. In sechs Fällen wurden die Tanks von Trümmerteilen beschädigt, ohne dass es zu Bränden kam. Im Juli 1979 war eine Concorde in Washington nur knapp einer Katastrophe entgangen: Sie konnte mit durchschlagenem Tank nach dem Start sicher landen, weil der auslaufende Treibstoff nicht Feuer fing. Daraufhin prüfte das DGAC, ob die Tanks gegen Schläge von unten verstärkt werden müssten. Doch nichts geschah - bis zur Katastrophe von Gonesse. Probleme seien damals totgeschwiegen worden, sagte der frühere Concorde-Kopilot Richard Pauperoux der Zeitung «Le Journal du Dimanche»: «Das war die Omerta.»

Jetzt soll die Wahrheit auf den Tisch. Die letzten Plädoyers sind am 28. Mai angesetzt; das Urteil wird im Herbst erwartet. Mehr als 150 Journalisten von Japan bis Kanada verfolgen das Gerichtsspektakel in Pontoise bei Paris. Dagegen kamen nur wenige Hinterbliebene: Die meisten hatten mit einer Entschädigung auf eine Nebenklage verzichtet. Doch es gibt auch andere Betroffene. Eine Polin, die in dem Hotel gearbeitet hatte, erklärte, sie sei traumatisiert. Sie könne nicht mehr in ein Flugzeug steigen und habe den Beruf wechseln müssen. «Ich bin froh, dass nach zehn Jahren Stille jetzt endlich wieder über das Unglück geredet wird», sagte sie der dpa.

Die Reederei Deilmann aus Neustadt in Holstein, die mit dem Concorde- Absturz ihre schwärzeste Stunde erlebt hatte, wollte am Dienstag nicht zum Verfahren Stellung nehmen. Ihre deutschen Gäste waren auf dem Flug nach New York gewesen, um mit dem Kreuzfahrtschiff «Deutschland» in die Karibik zu fahren. In dreieinhalb Stunden sollten sie in New York sein - es wurde ein Flug in den Tod.

Luftverkehr / Unfälle / Prozesse / Frankreich
02.02.2010 · 19:46 Uhr
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