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Protestforscher: Krawalle sind Sozialrevolte

Berlin (dpa) - Für den Berliner Protestforscher Simon Teune sind die Krawalle in Großbritannien eine Sozialrevolte. Dennoch sieht er Gemeinsamkeiten mit friedlichen Protestbewegungen in Europa. Immer mehr Menschen fühlten sich von ihren Regierungen im Stich gelassen, sagt der Soziologe im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Teune arbeitet am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung.

Junge Leute in vielen europäischen Ländern haben es schwer, besonders wegen hoher Jugendarbeitslosigkeit. In Spanien reagieren sie darauf mit meist friedlichem Protest, in Frankreich gab es Krawalle, in Großbritannien brennt es. Wie kommt es zu solch unterschiedlichen Reaktionen?

Teune: «Es gibt Gemeinsamkeiten bei den Protesten, aber auch Unterschiede. In England erleben wir gerade eine Sozialrevolte. Sie geht vor allem aus sozialen und ökonomischen Verwerfungen hervor und bricht sich unvorhersehbar Bahn. Wie in Frankreich vor einigen Jahren sind daran vor allem benachteiligte Jugendliche aus Migranten-Milieus beteiligt. Bei den Plünderungen machen dann aber auch viele Menschen mit, die sich von der Wohlstandsgesellschaft abgehängt fühlen. Im Unterschied dazu gibt es in Südeuropa eine massive politische Protestbewegung. Getragen wird sie vor allem von besser ausgebildeten Jugendlichen, die keinen Arbeitsplatz finden.

Sehen Sie die Proteste in England als reines Unterschichten-Problem?

Teune: «Es gibt einen gemeinsamen Hintergrund für die Proteste in ganz Europa. Das ist eine Autoritäts- und Sparpolitik, die besonders in Großbritannien eisern durchgezogen wird. Das hat die Situation der benachteiligten Jugendlichen noch einmal zugespitzt. Dort sind zum Beispiel 75 Prozent der Mittel für Jugendhilfe zusammengestrichen worden. Aber vorher hat es dort bereits eine massive Gegenbewegung gegeben, auch von Studenten gegen die Erhöhung der Studiengebühren. Das ist also nicht nur ein Problem am Rand der Gesellschaft, sondern ein allgemeines. Das sieht man auch an den Protesten in Südeuropa. Da sind nicht nur Jugendliche auf der Straße, das entwickelt sich zu einer Bewegung quer durch die Bevölkerung.

Sind die Ursachen dafür auch in der Finanzkrise zu sehen?

Teune: «Mit Sicherheit. Und zwar, weil diese Maßnahmen zu einer Wahrnehmung beitragen, dass die Menschen nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Der Sparzwang erweckt den Eindruck, dass es nur noch darum geht, das System zu stabilisieren und Banken zu retten - aber dass die Lebenswirklichkeit der Menschen in der Politik eigentlich keine Rolle mehr spielt.

Das ist vielleicht für den Sohn pakistanischer Einwanderer in Großbritannien keine neue Erfahrung. Denn er hatte noch nie das Gefühl, dass er von der Politik ernst genommen wird. Aber nun hat sich dieses Deutungsmuster in Europa auch unter den Bessergestellten und Bessergebildeten immer stärker durchgesetzt. In Deutschland hat man das an den Protesten gegen Stuttgart 21 gesehen. Es gibt einfach ein starkes Gefühl, dass die repräsentative Demokratie nicht mehr richtig funktioniert.

Viele Politiker halten es für ausgeschlossen, dass Krawalle wie in England auch in Deutschland möglich sind. Sehen Sie das auch so?

Teune: «Ja, ich halte das auch für unwahrscheinlich. Denn es gibt hier nicht so eine starke Trennung der Bevölkerung wie in England und auch Frankreich. Dort sind die ärmeren Teile meist an den Rand der großen Städte gedrängt. In Deutschland gibt es nicht eine so starke Entmischung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.

Gibt es noch mehr Unterschiede zwischen den Stadtbezirken Tottenham in London und Neukölln in Berlin?

Teune: Viele Migranten in Neukölln haben keine deutsche Staatsbürgerschaft. Das ist in England und Frankreich anders. Dort trägt die Diskrepanz zwischen der allgemeinen Behauptung, dass Migranten ganz normale Staatsbürger sind, und dem, was sie täglich erleben, massiv zur Unzufriedenheit bei. In Deutschland gibt es bei Migranten nicht so eine starke Erwartungshaltung. Da wird von Anfang an signalisiert: Ausländer gehören nicht zu uns.

Können die Krawalle in England Vorbildfunktion für Staaten haben, die ihrer Bevölkerung auch ein hartes Sparpaket auferlegt haben?

Teune: «Ich kenne kein Beispiel dafür, dass eine Sozialrevolte von einem Land auf das nächste übergegriffen hat. Der arabische Frühling hatte zwar auch soziale Auslöser. Die Bewegung ging von Jugendlichen aus, die Angst hatten, keinen Arbeitsplatz zu bekommen und sozial ausgegrenzt waren. Und dieser Funke ist übergesprungen. Aber dabei war die politische Komponente sehr stark. Das ist bei der Sozialrevolte in England anders.

Haben die bisherigen Krawalle im Rückblick etwas bewirkt?

Teune: «Es hat weder in England noch in Frankreich nennenswerte Reaktionen gegeben, nur Aufhübschungsmaßnahmen. In England gab es bereits in den 80er Jahren eine massive Sozialrevolte - und die Politik tat im Grunde genommen gar nichts. Das Problem, das dahintersteht, wird nicht angegangen. Die Repression zu verstärken, bringt gar nichts. Aber die britische Bewegung gegen Sozialkürzungen könnte neue Fahrt aufnehmen, weil die Politik jetzt merkt, dass die Krawalle auch ein Ergebnis der Sparpolitik sind.

Gesellschaft / Gewalt / Großbritannien
11.08.2011 · 22:49 Uhr
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