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Proteste 2011 - Die Angst demonstriert

Das Jahr 2011, es war das Jahr der Proteste. Demonstrieren wurde zu einer globalen Bewegung. Es war, als hätte die Menschheit ihre Stimme wiedergefunden. Wut auf das bestehende System ließ Steine fliegen und Autos brennen.

Jeder könne wütend werden, hat Aristoteles schon vor mehr als 2000 Jahren festgestellt. Die große Kunst bestehe aber darin, den Richtigen zu treffen und den rechten Zeitpunkt zu wählen. Wut, ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, lässt sich aber nur schwer steuern. Und so wurden friedliche Demonstrationen 2011 auch manchmal zu Krawallen.

Im Londoner Stadtteil Tottenham wandelte sich im August ein Demonstrationszug zum gewalttätigen Mob. Bald standen auch andere Stadtteile und weitere Städte in Flammen. England war geschockt und musste mit ansehen, wie Menschen in sozialen Brennpunkten ihre blinde Wut an Autos, Geschäften und Mitbürgern ausließen. Seit dem August 2011 weiß die englische Öffentlichkeit nun, dass an der Peripherie der Gesellschaft eine violente Menge schlummert.

Das, was sich 2011 entlud, war aber viel mehr als der «Wutbürger» aus dem Jahr 2010, den Dirk Kurbjuweit in seinem Essay Der Wutbürger beschrieb. Er meinte damit eine konservative Generation, die jahrelang geschwiegen hatte und dann, im Angesicht von Thilo Sarrazin und Stuttgart 21, auf die Straße ging - und ihre Wut herausschrie.

2011 aber wurde deutlich, dass der Wutbürger noch übertroffen werden kann. Die Proteste zeigten, dass der demonstrierende Bürger gar nicht nur von Wut getrieben ist. Sondern manchmal durch ein ganz anderes Gefühl: die nackte Existenzangst.

Mit Trillerpfeifen und Sandalen gegen einen Bahnhof

Stuttgart 21, das waren Proteste aus Wut. Der «Wutbürger» war eine Mischung aus wohlsituiertem/r bürgerlichem/r PensionärIn, Alt-68erIn mit einem fatalen Hang zu Trillerpfeifen und Trekkingsandalen. Es scheint, als habe sich ein Großteil der pensionierten schwäbischen Lehrerschaft das Bahnprojekt 21 ausgeguckt, um einem neuen Hobby zu frönen. Dem Demonstrieren.

Als ein demokratischer Prozess aber bewies, dass in Baden-Württemberg die meisten Menschen gar nicht gegen den Bau sind, zeigte sich das wahre Gesicht der Stuttgarter «Wutbürger». Sie nahmen das Ergebnis nicht an und demonstrierten weiter - immer noch in Sandalen und Trillerpfeifen. Nur die eigene Meinung zählte. Nicht die der Mehrheit.

Die meisten Menschen gingen 2011 jedoch nicht mit Pfeifen und Trekkingsandalen auf die Straßen. Der Antrieb war nicht mehr allein das Gefühl, endlich auch mal demonstrieren zu wollen. Stuttgart 21 oder nicht: Die Stuttgarter leben ihr Leben weiter. Jäten weiter am Samstag ihren Vorgarten und spazieren am Sonntagnachmittag durch die Siedlung. Der arabische Frühling, dieDemonstranten in Spanien, dieOccupy-Bewegung: Für diese Menschen aber ist die Existenz bedroht. Despoten und eine weltweite wirtschaftliche Krise lasten auf ihnen. Und Menschen, deren Leben in Not ist, sind mächtig.

Die Angst vor den «Indignados»

Als im Dezember 2010 in Ägypten und Algerien die Menschen auf die Straßen gingen, zeigte sich diese neue Dimension des Protests. Es ging nicht mehr um ein kleines Detail im Leben, sondern um das Leben an sich.

Von dort breitete sich eine Welle des Protests erst nach Spanien aus. Dort besetzten die «Indignados», die «Empörten», den Platz der Puerta del Sol in Madrid. Wochenlang. Überwiegend waren es junge und gut ausgebildete Spanier, die die Perspektivlosigkeit ihrer Generation auf die Straße trieb. Initiiert von den Bildern des «Arabischen Frühlings», verbreiteten sich die Demonstrationen ab Mai im ganzen Land. Knapp jeder zweite erwerbsfähige Spanier unter 25 Jahren ist arbeitslos, ein Horrorwert. Viele Empörte.

Dazu lähmten Korruption und Klüngelei zwischen den beiden dominierenden Volksparteien, der Partido Popular (PP) und den Sozialisten (PSOE), das Land. Im November gab es Neuwahlen, bei denen die zuvor regierende PSOE eine empfindliche Niederlage gegen die konservative PP einstecken musste. Der vormalige Ministerpräsident Jose Manuel Zapatero (PSOE) trat gar nicht erst zur Wiederwahl an. Offiziell hatte er die Neuwahlen mit der Finanzkrise begründet. Insgeheim fürchtete er aber wohl die Rache der «Indignados». 

Die Wall Street als Sinnbild der Finanzkrise

Auch bei der «Occupy»-Bewegung stand am Anfang das Gefühl der Angst. Keine Wut, sondern pure Verzweiflung über ein wirtschaftliches System, das denen, die Fehler machen, Boni gewährt. Ein Twitter-Aufruf vom 17. September forderte die Unzufriedenen in den USA auf, für einen ägyptischen «Tahrir-Moment» in New York zu sorgen. Seitdem besetzen Demonstranten den Zuccotti-Park in New York, den sie kurzerhand in Liberty Plaza umtauften.

Die Protestler haben die Wall Street als Menetekel der internationalen Finanzkrise ausgemacht. Von dort aus wollen sie ein Zeichen für mehr soziale Gerechtigkeit setzen. Die Bewegung hat sich von New York aus ihren Weg durch die USA bis nach Europa gebahnt. Angst, zeigte sich in der Ausbreitung, ist überall vertreten.

Der Zweifel an dem vorherrschenden System trieb 2011 auf der ganzen Welt Menschen auf die Straße. Gegen den Kapitalismus, gegen die Diktatur. Auf die Wut folgten Angst und Verzweiflung. «Wer Recht erkennen will, muss zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben», wusste eben auch schon Aristoteles.

Brennende Städte in Großbritannien, Hunderttausende Studenten und Gewerkschaftler in Chile: Wo die Menschen noch überall auf die Straße gingen, sehen Sie in unserer Bilderstrecke.

[news.de] · 23.12.2011 · 10:32 Uhr
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