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Produktsabotage - Gebaut, um kaputt zu gehen

Eben noch schnurrte der Drucker wie ein Kätzchen, jetzt macht er keinen Mucks mehr. Der Handyakku ist schon am Mittag leer - austauschen ist nicht, denn er wurde fest im Gerät verbaut. Und die Waschmaschine ist zwei Jahre alt, gerade ist die Garantie abgelaufen, da verweigert auch sie ihren Dienst. Teufelswerk? Keineswegs. Alles so gewollt von den Herstellern.

Geplante Obsoleszenz nennen es die Fachleute, ein sperriges Wortgebilde, das sich aber schnell erklären lässt: Hersteller bauen absichtlich Sollbruchstellen in Geräte, damit diese schneller kaputt gehen. Denn nur so lässt sich Geld verdienen. «Ein Artikel, der nicht verschleißt, ist eine Tragödie fürs Geschäft», schrieb ein Werbemagazin bereits in den 1920er Jahren. Damals, als die geplante Obsoleszenz ihren Anfang nahm.

1924 gründeten mehrere Glühbirnenhersteller - darunter Osram und Philips - das sogenannte Phöbuskartell und schlossen einen Pakt: Sie manipulierten ihre Leuchtmittel so, dass sie nach 1000 Stunden erloschen, obwohl sie vorher gut anderthalb mal so lange brannten. Aber das brachte nicht genug Geld. Kürzere Lebensdauern bedeuteten schließlich, dass die Leute häufiger nachkaufen mussten. Der perfide Plan ging auf. 1942 allerdings wurden die fiesen Machenschaften enttarnt und verboten. Die Lebensdauer der Glühbirne hat sich dadurch allerdings nicht wieder verlängert.

Firmen schweigen zu Anschuldigungen

Und auch die geplante Obsolezenz lebte weiter. Nur stellen es die Hersteller heute cleverer an. Mutwillige Manipulationen lassen sich nur schwer nachweisen. Werden Unternehmen mit dem Verdacht auf Produktsabotage konfrontiert, streiten sie das meist ab.

Zu Beginn dieses Jahres sorgte die Arte-Dokumentation Kaufen für die Müllhalde für großes Aufsehen. Sie deckte interne Dokumente aus einem spanischen Produktionswerk für Epson-Drucker auf, die besagten, dass mithilfe eines Chips deren Lebensdauer programmiert wird. Nach 18.000 gedruckten Seiten oder fünf Jahren Gebrauch verweigert das Gerät einfach seinen Dienst, obwohl es noch vollkommen intakt ist. Schuld ist ein interner Zähler. Wird er auf Null gesetzt, funktioniert der Drucker wieder. Doch das wissen die wenigsten, also landet das Gerät auf dem Müll.

Der Berliner Betriebswirt Stefan Schridde kennt eine weitere Strategie der Hersteller: «Ich hatte früher einen Hewlett-Packard-Drucker, dessen Patronen so gut wie nie leer wurden. Heute sind diese Geräte so gebaut, dass man reine Tinten-Nachfüllstationen bekommt», sagt er. Ein Schwamm im Innenleben des Druckers zieht regelmäßig Tinte, ohne dass gedruckt wird.

Murks? Nein danke!

Schridde ist verärgert über so viel Dreistigkeit. Seit Februar sammelt er auf seinem Internetportal murks-nein-danke.de Fälle der geplanten Obsoleszenz. 300.000 Besucher hatte Schridde in den vergangenen Monaten auf seiner Internetseite, 15.000 sind es mittlerweile pro Tag. Etwa 300 Einträge finden sich auf seinem Blog, täglich kommen neue hinzu. Nicht nur Drucker sind betroffen - und keineswegs handelt es sich nur um billige No-Name-Produkte. Waschmaschinen von Bauknecht, elektrische Zahnbürsten von Braun, Kaffeepad-Maschinen von Philips, ja sogar zu den teuren High-End-Geräten von De Longhi kommen Beschwerden rein.

Jede Branche hat ihre eigenen Methoden: Sind es bei den Druckern eingebaute Chips, die schneller Tinte ziehen oder nach einer bestimmten Druckzahl streiken, hat sich die Mobilbranche Apples Trick mit den fest verbauten Akkus abgeschaut. Damit wird aus der Akkulebenszeit die Produktlebenszeit.

Ein weiterer häufiger Übeltäter in Geräten sind unterdimensionierte Kondensatoren, die nicht genügend Hitze aushalten und dann durchknallen. Experten sind sich einig: Die Hersteller könnten leistungsfähigere Teile einbauen, die sie nur wenige Cent mehr kosten. Doch das ist nicht ihr Ziel auf dem Weg zu größtmöglichem Profit. Ingenieure lernen das bereits während ihres Studiums. Geplante Obsoleszenz steht in vielen Unis auf dem Stundenplan, sagt der pensionierte Diplom-Ingenieur und Soziologe Wolfgang Neef, der seit vielen Jahren an der TU Berlin lehrt.

Lesen Sie auf Seite 2, warum geplante Obsoleszenz an der Universität gelehrt wird

Den Unis fehlt häufig das Geld, um ihre Professoren zu bezahlen. Also müssen sie verstärkt auf Lehrbeauftragte aus der Wirtschaft zurückgreifen. Denen gehe es aber «nicht um gute Technik, sondern um Kapitalverwertung, Geldvermehrung», sagt er. Der Ingenieur sieht das sehr kritisch. Geplante Obsoleszenz müsse zum Problem erklärt und Alternativen diskutiert werden, fordert er.

Doch Neef zufolge seien viele Unternehmen in unserem heutigen Wirtschaftssystem nicht mehr frei zu entscheiden, wie produziert wird. Eine Kollegin von Siemens etwa habe bereits vor 15 Jahren in einem seiner Seminare erklärt, dass geplante Obsoleszenz im Unternehmen zwar nicht für gut befunden werde. Aber um nicht pleite zu gehen, müsse man mit der Konkurrenz mithalten. Und die setze nun mal verstärkt auf Produkte mit eingebauten Lebensuhren. Laut einer Studie des Ingenieurs Peter Brödner legen nur etwa zehn bis zwölf Prozent der deutschen Unternehmen Wert auf Qualität und Langlebigkeit bei der Herstellung ihrer Produkte.

Unser Müll lässt Menschen in Afrika sterben

Laut Berechnungen der EU fallen auf jeden Deutschen jährlich 7,8 Kilogramm Elektroschrott an. Das meiste davon wird illegal in andere Länder verschifft. Eine der größten Elektroschrott-Müllkippen befindet sich in der ghanaischen Hauptstadt Accra, wo arme Kinder und Jugendliche täglich im Müll wühlen auf der Suche nach Metallen, die sie verkaufen können - immer umgeben von dichtem Qualm und der Gefahr, sich zu verbrennen oder zu vergiften. «Die Art und Weise, wie wir in den Industrieländern mit unserem Müll umgehen, sorgt anderswo dafür, dass Menschen sterben», gibt Schridde zu bedenken.

Klimaforscher warnen regelmäßig davor, dass unsere Ressourcen immer knapper werden. «Wir brauchen ein nachhaltiges Qualitätsdenken, bei dem der Kunde als Nutzer gesehen wird und nicht als Endverbraucher. Allein das Wort sagt schon ‹kurz vor Müllkippe› - Endverbraucher, der letzte, der es noch mal in die Hand bekommt», sagt Schridde.

Neuer Trend: Repair Café

Die Politik hält sich aus der Diskussion bislang weitestgehend heraus, Schridde sammelt deshalb Unterschriften für eine Petition, die er im Bundestag einreichen möchte. Zuallererst möchte er mit seinem Portal aber direkt an die Hersteller appellieren, «langlebiger zu produzieren, den Kundendienst stärker einzubinden und neue Produkte zu entwickeln, die der Markt tatsächlich will».

Den Konsumenten rät er, wieder verstärkt auf die Reparatur von Geräten setzen. Auf Internetseiten wie ifixit.com oder insidemylaptop.com, in Technikforen und auf YouTube geben User anderen Usern Tipps, wie sie ihre Geräte wieder zum Laufen bringen. Offene Werkstätten und sogenannte Repair Cafés gewinnen zunehmend an Bedeutung. In den Niederlanden gibt es bereits 25 solcher Cafés für Bastler und Schrauber. Im Juni soll nun auch die erste Café-Werkstatt in München eröffnet werden.

Schridde sieht mit Wohlwollen: «Es gibt nicht nur die hippen Leute aus der Werbung, die jedem neuen Kram hinterherlaufen, sondern auch viele andere, die gerne Gebrauchtes nutzen und sich Gedanken machen, wo Produkte hingehen, wenn sie nicht mehr genutzt werden.» Das müssen jetzt nur noch die Hersteller erkennen.

[news.de] · 22.04.2012 · 07:34 Uhr
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