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Porträt: Timoschenko nimmt Kurs auf Präsidentenamt

Wie eine Volkstribunin präsentiert sich Julia Timoschenko in Kiew - doch nicht alle sind von ihr überzeugt. Foto: Maxim Shipenkov

Kiew (dpa) - Im Rollstuhl und gezeichnet von der Haft, aber doch kraftvoll und ungebrochen präsentiert sich Julia Timoschenko in Kiew. Kämpferisch wie eh und je nimmt die Oppositionsführerin Kurs auf das Präsidentenamt in der leidgeplagten Ukraine.

Ihr Erzfeind Viktor Janukowitsch, gegen den sie 2010 in der Stichwahl unterlag, ist gestürzt - zum Greifen nah ist nun ihr Ziel, das die Ex-Regierungschefin seit Jahren im Visier hat: Gleich nach der Entlassung aus zweieinhalbjähriger Lagerhaft verkündet sie ihre Kandidatur für die Präsidentenwahl am 25. Mai.

Mit Timoschenkos Rückkehr auf die politische Bühne der früheren Sowjetrepublik verschieben sich nach Ansicht von Kommentatoren sofort die Gewichte. Die Vollblutpolitikerin könnte die Chefs der Oppositionsparteien im Parlament mit einem Mal an die Wand drücken, darunter mit Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko einen weiteren Anwärter auf das höchste Staatsamt. Schon während ihrer umstrittenen Haft wegen Amtsmissbrauchs hatte Timoschenko ein ums andere Mal bewiesen, dass sie besser als jeder andere die Stimmung im Volk erahnt.

In flammenden Appellen forderte sie die Regierungsgegner zu kompromisslosem Vorgehen auf. Keine Verhandlungen mit Janukowitschs «Bande», mahnte die 53-Jährige regelmäßig. Sie meinte damit auch Klitschko und Co., die sich mit der Führung an einen Tisch setzten. Der Machtstreit mit dem gegnerischen Lager stellt sich für Timoschenko als Kampf zwischen Gut und Böse dar.

Am Samstagabend erleben dann wohl mehr als 100 000 Menschen die Rückkehr von Timoschenko. Wie Phoenix aus der Asche erscheint die wohl beliebteste Politikerin des Landes auf dem dicht besetzten Maidan, dem zentralen Unabhängigkeitsplatz in Kiew. «Frisch ans Werk» scheint die Devise der zierlichen Frau zu lauten. Wie eh und je sitzt ein blonder Haarkranz auf ihrem Haupt - eine Volksfrisur. Unverbrauchte Gesichter sollten die Politik übernehmen, kündigt Timoschenko an. Ihren Führungsanspruch wird sie aber nicht aufgeben.

Zum Tag des Gedenkens an Dutzende Opfer der blutigen Straßenkämpfe in Trauerschwarz gekleidet, erscheint Timoschenko dabei dem ein oder anderen Beobachter wie ein Racheengel. Immer wieder reißt sie den Arm empor und fordert Genugtuung für das vergossene Blut ihrer Landsleute. «Wir müssen Janukowitsch und den ganzen Abschaum um ihn herum auf den Maidan bringen», ruft sie ins Mikrofon.

Teils überschlägt sich ihre Stimme, teils kann sie vor lauter Rührung kaum weitersprechen. Auch im Publikum gibt es viele Tränen. Viele Ukrainer lassen nach diesen turbulenten Tagen ihren Gefühlen freien Lauf. Die Menschen können es kaum begreifen, was sich binnen weniger Tage in ihrem Land getan hat. Barrikaden, Scharfschützen, Tote - der ganze Maidan wirkte tagelang wie ein Schlachtplatz. Dann die Verhandlungen auch unter Vermittlung von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Die Einigung zwischen Janukowitsch und der Opposition.

Und schließlich die Welle des Zorns. Die Menschen waren nicht ansatzweise zufrieden mit dem getroffenen Kompromiss. Dass Janukowitsch noch Monate im Amt bleiben sollte, sorgte für Wut und Empörung. Die Straße gab die Parole vor - Rücktritt oder Sturm. Sie erhöhte den Druck so sehr, dass Janukowitschs Herrschaft rasend schnell zusammenbrach. Den Oppositionsführern blieb nichts anderes übrig, als auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Im Eiltempo peitschte das Parlament Beschlüsse durch, erklärte Janukowitsch für abgesetzt - und befahl Timoschenkos Freilassung. Alles innerhalb weniger Stunden.

Tatsächlich verlässt Timoschenko am Samstag eine Klinik in der Stadt Charkow, wo sie wegen der Folgen eines Bandscheibenleidens auch von deutschen Ärzten behandelt wurde, als freier Mensch. In Kiew ist auch Tochter Jewgenija wieder an ihrer Seite, die als «Botschafterin» im Ausland für ihre Mutter geworben hat.

Aber so sehr sich viele Ukrainer auf die Rückkehr ihrer Volkstribunin freuen. Dass Timoschenko nun wieder mitmischt, schmeckt nicht allen. Die in der Industriestadt Dnjepropetrowsk geborene «Gasprinzessin» hat nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 ein immenses Vermögen angehäuft. Politische Gegner werfen ihr undurchsichtige Geschäfte vor, sie besitze keine saubere Weste. Selbst auf dem Maidan, wo Timoschenko bereits als Anführerin der demokratischen Orangenen Revolution 2004 die Massen in den Bann zog, gibt es einige Pfiffe. Doch Kritiker werden als Provokateure im Auftrag der gestürzten Führung beschimpft und aus der Menge herausgezerrt.

Symbolisch für den neuen Wind in der Ukraine, der auch Timoschenko noch verstärkt treffen könnte, ist eine Szene kurz nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt aus ihrem Haftort Charkow. Barrikadenkämpfer stoppen die vorbeirasende Kolonne. «Denkt daran, wer die Revolution umgesetzt hat - vergesst das nicht», warnen die erschöpften Männer. Die politische Landschaft in der Ukraine hat sich vergrößert.

Demonstrationen / Regierung / Ukraine
23.02.2014 · 16:44 Uhr
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