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Porträt: Spleeniger Charakter mit edlen Absichten

Neue Medizin-Nobelpreisträger: Robert EdwardsGroßansicht

Berlin/London (dpa) - Robert Edwards ist heute bei Medizinern hoch geachtet - als Forscher, aber auch, weil es für ihn das Wichtigste war, Menschen zu helfen.

«Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind», soll der Brite immer wieder betont haben. «Er ist unser Vorbild, unser Lehrer», sagte Klaus Bühler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen In-Vitro-Fertilisation-Registers in Hannover. «Er hat sich sicher erst mal für sein Team gefreut und bezieht das nicht auf sich persönlich», sagte er über den Medizin- Nobelpreisträger.

Als Edwards die künstliche Befruchtung beim Menschen zu entwickeln begann, konnten Ärzte ungewollt kinderlosen Paaren oft nur aufmunternd auf die Schulter klopfen. Lediglich bei Tieren wurde die Methode bereits angewandt. Der Plan, auch die menschliche Fortpflanzung ins Labor zu verlegen, löste weltweit einen Sturm der Entrüstung aus. Der Nobelpreisträger und DNA-Entdecker James Watson etwa sagte 1971 über die Methode: «IVF macht Kindesmord notwendig.»

«Niemand hat am Anfang an Edwards geglaubt. Er bekam auch kein Geld für seine Forschung bewilligt», erklärte der Stockholmer Professor für Kindermedizin und Nobelpreis-Juror Hugo Lagercrantz. «Die etablierte Wissenschaft glaubte ja, dass bei der künstlichen Befruchtung missgebildete Kinder herauskommen.» Auch die Kirchen protestierten heftig. Besonders groß sei der Widerstand in Deutschland gewesen.

Einige Tiermediziner hätten ihn bei seiner Arbeit unterstützt, von der Mehrzahl seiner Forscherkollegen aber sei Edwards belächelt und kritisiert worden, erzählte Stefan Schlatt, Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin Münster (CeRA). «Letztendlich war er in der Medizin sehr isoliert und ganz alleine und hat trotzdem gegen viele Widerstände an gesagt: Das geht.» Ein einfacher Charakter sei der Brite nicht. «Er ist immer so ein bisschen spleenig gewesen, sonst kann man sich auch nicht gegen alle Widerstände durchsetzen.»

Edwards, 1925 in Manchester geboren, schaffte es, sich dem Sturm entgegenzustellen, durchzuhalten, trotz aller Restriktionen und Rückschläge immer weiterzumachen. Er habe Kritiker auf bestehende Hilfsmittel wie Brille, falsche Zähne und Herztransplantate verwiesen, schrieb Edwards vor neun Jahren in einem «Nature»-Artikel. Einige Gegner seien allerdings geradezu bösartig gewesen.

Am 25. Juli 1978 war es so weit, das erste «Retortenbaby» wurde geboren: Louise Joy Brown, mittlerweile selbst Mutter. Es sei kaum in Worte zu fassen, was diese Geburt ihm und seinem Team bedeutet habe, erklärte Edwards später. Lesley und John Brown hatten zuvor neun Jahre lang vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Auch später habe der Forscher oft bei Patienten vorbeigeschaut und sich über jede weitere Geburt gefreut, berichten Weggefährten.

Zusammen mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe gründete Edwards die Bourn Hall Clinic für künstliche Befruchtungen. Viele Mediziner taten es dem Duo nach, immer mehr Reproduktionszentren entstanden. Deutschlands erstes Retortenbaby kam 1982 zur Welt. Seit Louises Geburt wurden Schätzungen zufolge etwa vier Millionen Kinder nach einer künstlichen Befruchtung geboren. Jedes 100. bis 200. Kind sei nur dank der Methode auf der Welt, sagte Schlatt.

«Wir wollen schon sicher sein, dass die betreffende Sache auch wirklich funktioniert, wenn wir den Medizin-Nobelpreis vergeben», erklärte Klas Kärre vom Stockholmer Nobelkomitee zu der Vergabe an Edwards. Es sei höchste Zeit gewesen, dessen Arbeit mit dem Nobelpreis zu würdigen, betonte Schlatt.

Der Brite sei ein umgänglicher Wissenschaftler, aber kein enthusiastischer Redner, der sofort alle Zuhörer von seiner Sache überzeugt. «Er ist eher einer, der etwas trockener daherkommt. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum es ein bisschen länger gedauert hat, dass es dieses Forschungsgebiet in die Öffentlichkeit geschafft hat: weil er nicht so eine schillernde Erscheinung ist und die Leute so mitreißen kann.»

Edwards hatte nach dem Militärdienst Biologie studiert. Sein Forscherleben verbrachte er zum großen Teil in Großbritannien. An der University of Cambridge hatte er zuletzt bis 1989 eine Professur für Reproduktionsmedizin inne. 2001 erhielt er den renommierten Lasker- Preis. Auch privat war ihm das Glück hold: Der Brite hat fünf Töchter und elf Enkel.

Sein Weggefährte Patrick Steptoe starb bereits 1988. Edwards, der am 27. September 85 Jahre alt wurde, ist gesundheitlich angeschlagen und kann keine Interviews mehr geben. Er lebt in einem Altersheim.

Medizin / Nobelpreise / Großbritannien
04.10.2010 · 22:08 Uhr
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