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Porträt: Promille-Fahrt stoppt Käßmanns Karriere

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Hannover (dpa) - Das jähe Ende von Margot Käßmanns bemerkenswerter Kirchen-Karriere hatte einen banalen Auslöser - ein Verkehrsvergehen.

Nach einer Alkoholfahrt mit 1,54 Promille trat Käßmann (51) am Mittwoch als hannoversche Bischöfin und Spitzenrepräsentantin der rund 25 Millionen Protestanten in Deutschland zurück. Hinter ihr liegen wichtige Stationen in der evangelischen Kirche: Als jüngste Bischöfin und erst zweite Frau wurde Käßmann vor fast elf Jahren in Hannover ins Amt gewählt - auch dieses Amt legte sie jetzt nieder. Sie könne nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität beschädigt sind, sagte sie bei ihrem bewegenden Auftritt vor der Presse in Hannover.

Vor ihrer Bischofszeit hatte sie sich bereits im weltweiten Zentralausschuss des ökumenischen Rates der Kirchen und als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages Meriten verdient.

Mit Charme und Nachdruck vertrat Käßmann jahrelang die Anliegen der Kirche in der Öffentlichkeit: Nicht erst seit ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor vier Monaten war Hannovers Bischöfin Aushängeschild und Sprachrohr der Protestanten. Auf ihre sympathische Art eroberte die Mutter von vier erwachsenen Töchter die Herzen vieler Menschen und verbarg auch nicht Schicksalsschläge wie eine Krebserkrankung und ihre Scheidung nicht. Mit ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr stieß Käßmann seit Jahresbeginn auf für sie ungewohnt heftigen Protest.

Ihren Rücktritt erklärte sie denn auch damit, dass sich sich nicht mehr so frei hätte äußern können: «Die harsche Kritik etwa an einem Predigtzitat wie "Nichts ist gut in Afghanistan" ist nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird.»

Mit der Wahl der populären Käßmann als erster Frau an die Kirchenspitze hatte die EKD Modernisierungswillen bewiesen. Zugleich war die Entscheidung für eine starke Führungsperson eine Notwendigkeit: Die Kirche ist in der Krise - nicht nur, weil die Wirtschaftslage die Steuereinnahmen einbrechen lässt. Seit Jahren schrumpft die Zahl der Mitglieder und die Prognosen sagen weitere dramatische Rückgänge voraus. Käßmann wurde die Weitsicht und Durchsetzungskraft zugetraut, die nötig sind, um die von ihrem Vorgänger Wolfgang Huber angestoßenen Strukturreformen der Kirche weiterzuführen.

Häufig hatte Käßmann in sozialen Fragen das Gehör der Politik gesucht, sei es in Sachen Kinderarmut, Pflegenotstand oder bei der Behandlung von Flüchtlingen. Ihr offener Umgang mit einer Krebserkrankung stieß auf Sympathie und bei ihrer Ehescheidung pochte sie auf Wahrhaftigkeit, sich zu verstellen und eine heile Welt vorzugaukeln, sei falsch. Auch eine Kirchenvertreterin könne als Mensch scheitern, hatte die im oberhessischen Marburg geborene Theologin für sich geltend gemacht - und trotz mancher Kritik hinter den Kulissen geschlossenen Rückhalt in der Kirche erhalten. Diese auch nach der Alkoholfahrt signalisierte Unterstützung, reichte Käßmann nicht mehr.

Ihr Glaube spendet Käßmann Trost: «Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar», bekannte sie in Hannover.

Kirchen / Kriminalität
24.02.2010 · 23:24 Uhr
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