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Porträt: Nick Clegg

Der Führer der Liberalen: Nick CleggGroßansicht
London (dpa) - Vor wenigen Wochen hieß er noch «Nick Wer?». Die wenigsten Briten konnten mit dem Namen von Nick Clegg etwas anfangen. Heute ist der Chef der Liberaldemokraten der Superstar des britischen Wahlkampfes.

Medien haben eine wahre «Cleggmania» ausgerufen - eine Manie, vergleichbar mit der Hysterie um Barack Obama. Zwar ist der 43-Jährige charmant, telegen und unverbraucht. Doch die Begeisterungsstürme sprechen viel mehr für den Verdruss der Briten über die großen Parteien als für Cleggs eigene Leistung.

Der 15. April war sein Tag: Da stieg Clegg als Außenseiter in der ersten TV-Debatte gegen Premierminister Gordon Brown von der Labour- Partei und den Chef der konservativen Tories, David Cameron, in den Ring. Er schaffte es, den Briten eine frische Alternative zu zeigen und sie für den eher faden Wahlkampf zu begeistern. In Umfragen schnellten die «Lib Dems» - traditionell eher bedeutungsarme Nummer drei unter den britischen Parteien - plötzlich ganz nach oben. Clegg, dem über Nacht eine Popularität wie Winston Churchill attestiert wurde, blieb auf dem Boden: «Man sollte das jetzt nicht alles überbewerten.»

Denn: Dass Clegg wirklich Premier wird, ist wegen des britischen Wahlsystems unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass die «Lib Dems» zu Königsmachern werden: Gewinnen weder Labour noch die Tories die absolute Mehrheit, dann schlägt die Stunde der kleineren Partei. Wen sie unterstützt, der könnte den neuen Premier stellen.

Clegg steht für den modernen Politiker. Für einen Briten eher ungewöhnlich, spricht der ehemalige Europaabgeordnete vier Fremdsprachen - neben Deutsch auch Niederländisch, Spanisch und Französisch. Abgehoben will der Vater dreier Kinder trotz feiner Herkunft nicht wirken. Freimütig gestand er einmal ein, dass er vor seiner Ehe nicht mit «mehr als 30 Frauen» geschlafen habe. Offen berichtete er auch, wie er als 16-jähriger Austauschschüler in München zu Sozialarbeit verurteilt worden war, weil er seltene Kakteen angezündet hatte. Auch glaube er «nicht aktiv» an Gott. Bei jungen Leuten kommt das gut an.

Seit dem unerwarteten Aufstieg der Liberaldemokraten sind die beiden anderen Parteien aufgeschreckt. Während Labour Cleggs Erfolg als «politische Flitterwochen» mit dem Wähler abtut, sträuben sich die Tories gegen eine Änderung des Wahlsystems - was für Clegg allerdings Voraussetzung für eine Zusammenarbeit ist. Schließlich benachteiligt das britische Mehrheitswahlrecht ganz klar kleinere Parteien. Derweil sucht die konservative Presse verzweifelt nach einem Aufhänger, um Clegg auszubremsen: Der «Daily Telegraph» grub vermeintlich unseriöse Spenden aus, die «Daily Mail» versuchte Clegg Nazi-Geschichten anzuhängen. Erfolglos.

Die Briten scheinen Clegg sogar zu verzeihen, dass er extrem europafreundlich ist. Er will die Einführung des Euro als Währung und spricht positiv über das auf der Insel eigentlich verpönte Brüssel. Auch gibt er sich als Verfechter der Menschenrechte, seine Partei hatte damals auch gegen den Irakkrieg gestimmt. Großbritannien solle in der Welt wieder eine «Kraft des Guten» werden, so seine Vision.

Er ist ein Karrieremensch aus bestem Hause. Wie Tory-Chef Cameron besuchte Clegg Elite-Schulen. Sein Vater war Banker, dessen Mutter russische Aristokratin. Cleggs Mutter stammt aus den Niederlanden und wuchs in der damaligen Kolonie Indonesien auf. Nach seinem Abschluss in Cambridge studierte und arbeitete er im Ausland, unter anderem als Journalist in den USA. Zwischendurch verdingte er sich auch als Skilehrer in Österreich.

Obwohl die Tories Clegg für sich gewinnen wollten, als der noch bei der EU-Kommission arbeitete, trat er den Liberaldemokraten bei. Seit Dezember 2007 ist der 43-Jährige deren Chef, auch wenn ihn Kritiker für zu jung und unerfahren halten.

Cleggs Frau Miriam González Durántez ist Spanierin und erfolgreiche Anwältin. Die Kinder haben spanische Namen, nach der Geburt des jüngsten Sohnes nahm Clegg Vaterzeit. Statt wie Frau Cameron und Frau Brown aktiv Wahlkampf zu machen, hält sich Cleggs Gattin heraus.

Doch auch ohne ihre Hilfe reitet Clegg auf einer Erfolgswelle, die Londons Bürgermeister Boris Johnson schon mit dem Hype um Prinzessin Diana verglich: «Ich bin sicher, dass die derzeitige Einbildung von der Wiederauferstehung der Liberaldemokraten der größte medial aufgebauschte Unsinn seit der Beerdigung von Diana ist.»

Wahlen / Großbritannien
07.05.2010 · 00:15 Uhr
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