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Porträt: Liquidator Issajew kämpft um Gerechtigkeit

Als Direktor der internationalen Hilfsorganisation SOS-Tschernobyl kämpft Nikolai Issajew gegen das Vergessen.Großansicht

Kiew (dpa) - Die hoch radioaktive Sperrzone um das Atomkraftwerk Tschernobyl meidet Nikolai Issajew lieber. «Das ist ein gefährlicher Ort», sagt der 56-Jährige bei einem Treffen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew.

Der frühere Ingenieur für Wärmekraftanlagen hat das folgenschwerste Atomunglück am 26. April 1986 überlebt. Doch hat ihm die Radioaktivität einen ganzen «Strauß Krankheiten» beschert, wie er sagt. So sei das bei allen Helfern der ersten Stunde. Die meisten von ihnen sind inzwischen tot. Als Direktor der internationalen Hilfsorganisation SOS-Tschernobyl kämpft Issajew gegen das Vergessen.

Auf einem Blatt hat der Tschernobyl-Invalide nur die 20 schwersten Gebrechen aufgeschrieben. Seine Leber, seine Bauchspeicheldrüse sind chronisch entzündet. Er hat Diabetes und Asthma. Die Liste ist lang. Ein schwerer allergischer Dauerschnupfen zwingt ihn jedes Jahr zwei Monate ins Krankenhaus. «Ich bin froh, dass ich noch am Leben bin», sagt der Mann mit der starken Brille. Er sieht gut zehn Jahre älter aus als er ist. Dennoch bereut er nichts.

Auf Schwarz-Weiß-Fotos von damals ist ein aufrechter und stolzer Familienvater zweier Kinder zu sehen. Issajew weiß, dass er - mit seiner eingefallenen Statur - diesem Bild kaum noch ähnlich sieht. Seine Heimat war die sozialistische Vorzeigestadt Pripjat. Die Plattenbausiedlung, etwa zwei Kilometer vom Reaktor entfernt, ist wegen der hohen Konzentration von Strahlengiften unbewohnbar. Von Pripjat aus war Issajew am Morgen des 26. April 1986 wenige Stunden nach der «Havarie» ins Kraftwerk gefahren. Damit änderte sich alles.

Anders als viele seiner früheren Kollegen ist das Strahlenopfer Issajew inzwischen kein glühender Befürworter der Atomenergie mehr. Nicht wegen Tschernobyl. Erst die Reaktorunglücke im japanischen Fukushima hätten ihm endgültig die Augen geöffnet. «Wir sind Selbstmörder, wenn wir an Atomenergie festhalten - und müssen an unsere Kinder denken», sagt er als führender Politiker der Ukrainischen Tschernobyl-Volkspartei.

Issajew macht besonders auch die weiter hohe Belastung von Fleisch, Milch und anderen Lebensmitteln mit dem Strahlengift Cäsium-137 Sorgen. Die Regierung habe die Messungen eingestellt. Zudem gebe es kein Geld mehr für die Aufbereitung verseuchter Böden. Dass die Ex-Sowjetrepublik verarmt ist, bekommt Issajew täglich zu spüren. Die eigentlich gesetzlichen Ausgleichszahlungen und Renten würden nur teils fließen, Kuren in Sanatorien seien gekürzt. Und Arznei und Arztbesuche seien auch nicht mehr gratis.

«Wir haben damals unser Leben riskiert - aus Treue zur Heimat. Aber die Regierung zieht sich aus der Verantwortung.» Issajew schildert, wie er und andere Opfer selbst für Tschernobyl-Kranke Spenden sammeln. Manchmal sterbe aber ein Bedürftiger, bevor eine wichtige Operation bezahlt werden könne. Besonders ärgert ihn, dass korrupte Beamte - er nennt sie die «Atom-Mafia» - zum Beispiel für die Opfer bestimmte Grundstücke selbst verscherbelt hätten.

Laut Issajew leben allein in der Ukraine mehr als 100 000 Tschernobyl-Opfer. Viele sehen sich heute als ewige Verlierer einer Spitzentechnologie. Seit Issajew 1991 aus Gesundheitsgründen das Arbeiten aufgab, ist sein Leben nur noch Kampf um Gerechtigkeit. Am meisten treibt ihn jedoch um, dass das Kraftwerk mit seinen insgesamt vier Reaktorblöcken weiter eine «tickende Zeitbombe» sei. Dort lagern weiter Hunderte Tonnen radioaktives Material.

«Es sind Millionen verpulvert worden, ohne dass sich etwas entscheidend bewegt hat.» Er hat Angst, dass es noch einmal zu einem solchen Unglück kommt. Der Autor mehrerer wissenschaftlicher Beiträge traut niemandem mehr, der von Sicherheit spricht. Das seien für ihn die Lehren aus Tschernobyl und Fukushima.

Atom / Geschichte / Tschernobyl
26.04.2011 · 20:07 Uhr
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