News
 

Porträt: Gabriels holpriger Aufstieg

Sigmar Gabriel  wird auf dem SPD-Bundesparteitag in Dresden zum SPD-Vorsitzenden gewählt. (Archivbild vom 14.11.2009)Großansicht
Dresden (dpa) - Noch nicht lange ist es her, da kokettierte er noch mit dem Ausstieg aus der großen Politik. Er sei jetzt in einem Alter, in dem man in seiner Harzer Heimat gerade als volljährig gilt, erzählte Sigmar Gabriel bei der Feier zu seinem 50. Geburtstag.

Und sein eigentlicher Lebenstraum sei es ohnehin, einmal Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Goslar zu werden. Doch daraus wird vorerst nichts. Jetzt will sich Gabriel erst einmal daran versuchen, die SPD aus dem Jammertal zu holen. Auf dem Parteitag in Dresden bekam er dafür den erhofften Vertrauensvorschuss.

Prominente Gäste sagten dem bislang mehr wegen seiner Leibesfülle gewichtigen Sozialdemokraten schon bei seinem runden Geburtstag eine glänzende Zukunft voraus. «Du spielst erste Liga und machst einen prima Job», bescheinigte ihm der damalige Parteichef Franz Müntefering. «Irgendwann» würden die Trikots ausgetauscht und Gabriel werde sich mit der Größe «XXL» in der SPD etablieren.

Und auch ein anderer langjähriger Förderer sprach von einer «bemerkenswerten» Entwicklung des Jubilars. «Sigmar Gabriel hat nicht nur viel vor. Er hat auch noch viel vor sich», schmeichelte Gerhard Schröder, der mit Gabriel aber wiederholt auch über Kreuz lag. So wagte dieser es als Fraktionschef in Hannover sogar, den damaligen Ministerpräsidenten Schröder fest im Blick, respektlos gegen den «Bonapartismus in der SPD» zu wettern - eine frühe Umschreibung für den späteren «Basta-Stil» des Kanzlers.

Müntefering ahnte damals noch nicht, dass seine Vorhersage schon so schnell eintreffen und ihn selbst hinwegreißen würde. Dass der lange als «Harzer Roller» in der Partei bespöttelte Gabriel urplötzlich ganz nach oben kam, lag am für die SPD schrecklichen Wahlsonntag am 27. September. Auch in dieser Lage bewies Gabriel wieder Machtinstinkt. Mit führenden SPD-Linken, die in ihm vorher nur einen unsicheren Kantonisten und ein Irrlicht sahen, stellte er fast schon konspirativ die Weichen für die neue SPD-Zeit in der Opposition.

Kaum ein anderer Sozialdemokrat ist von den eigenen Leuten so oft fallengelassen und dann wieder aufs Schild gehoben worden. Gabriel gehörte bislang nie zur engeren Führung. 2007 fiel der studierte Lehrer für Deutsch und Politik bei der Wahl zum SPD-Präsidium sogar durch. Für die Blamage machte er damals die Linke um die neue Generalsekretärin Andrea Nahles verantwortlich, mit der er bis vor kurzem kaum ein Wort wechselte.

Der Ruf des Sprunghaften und Trickreichen eilte dem Sohn einer alleinerziehenden Krankenschwester schon aus Hannover voraus. Dort wurde der frühere Fähnleinführer bei den «Falken» mit 40 Jahren 1999 jüngster deutscher Länder-Regierungschef. Schon mit 43 war er dann auf einmal jüngster ehemaliger Ministerpräsident. Gabriel wechselte nach Berlin, wo er sich bis heute nicht recht heimisch fühlt. Hier brachte er es zunächst nur zum SPD-«Pop-Beauftragten», was ihm den Spitznamen «Sigi-Pop» eintrug.

Eher überraschend kam 2005 die Berufung zum Umweltminister in der großen Koalition. Mit Matthias Machnig holte sich Gabriel einen bestens vernetzten Strippenzieher als engsten Mitarbeiter ins Haus, der ihm auch den gelegentlichen Hang zur Selbstüberschätzung austrieb. Aus den turbulenten SPD-Debatten hielt sich Gabriel heraus und profilierte sich ungewohnt diszipliniert in seinem Ressort. Im Wahlkampf punktete der Niedersachse, der mit einer Zahnärztin liiert ist, mit einer geschickten Anti-Atom-Kampagne. Der glänzende Verkäufer und Selbstvermarkter empfahl sich damit in den eigenen Reihen wieder für Höheres.

Schon seit längerem gilt Gabriel als wohl bester Redner, den die SPD hat - was er auch in Dresden wieder unter Beweis stellte. Mit geschliffenen Formulierungen und schlagfertigem Witz kann das politische «Alphatier» ganze Säle zum Kochen bringen. Doch auch in seinem eigenen Landesverband war Gabriel lange unumstritten. Der verweigerte dem Bundesminister bei der Listenaufstellung zur Bundestagswahl einen Spitzenplatz. Beleidigt verzichtete Gabriel ganz und setzte voll auf Risiko. Seinen Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel verteidigte er souverän.

Parteien / SPD / Parteitag
25.11.2009 · 09:15 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
23.10.2017(Heute)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen