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Polizei: Attentäter von Stockholm hatte Helfer

Anschlag in StockholmGroßansicht

Stockholm/London/Berlin (dpa) - Der Selbstmordattentäter von Stockholm hat wahrscheinlich Komplizen gehabt und ist in England sowie in Ausbildungslagern in Pakistan geschult worden.

Zwei Tage nach dem Anschlag mitten in der Einkaufszone von Schwedens Hauptstadt war sich die Staatsanwaltschaft so gut wie sicher, dass es sich bei dem Täter um den 28-jährigen Taimur Abdulwahab al-Abdali handelt.

Staatsanwalt Thomas Lindstrand sagte, der Anschlag sei zwar fehlgeschlagen, aber «gut vorbereitet» gewesen. Deshalb gehe man von Helfern bei der Planung aus. Es gebe aber bisher keine konkret Verdächtigen. Der Attentäter hatte sich am Samstag in einer Stockholmer Einkaufsstraße in die Luft gesprengt und war sofort tot. Bei einer kurz zuvor von ihm ausgelösten Explosion seines Autos wurden zwei Passanten leicht verletzt.

Der 28-Jährige war der Polizei und dem für die Terrorbekämpfung zuständigen Sicherheitsdienst Säpo bis zu dem Anschlag «völlig unbekannt», wie Lindstrand erklärte. Britische und schwedische Medien berichteten übereinstimmend, Taimur Abdulwahab al-Abdali sei Schwede irakischer Abstammung. Er habe mit seiner Frau und drei Kindern in der englischen Stadt Luton nördlich von London gewohnt.

Auch in Deutschland sehen die Sicherheitsbehörden eine Gefahr von Terroranschlägen durch Einzeltäter wie jetzt in Stockholm. «Das ist eine der beiden Hauptvarianten, die wir besonders befürchten für Terroranschläge auch in unserem Land», sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im «Morgenmagazin» des ZDF. «Nämlich ein fanatisierter Einzeltäter, der sich aus sich heraus selbst entschließt, an diesem sogenannten Heiligen Krieg (...) teilzunehmen und dann selbst solche Bomben bastelt.» Es gebe hierzulande schätzungsweise 50 bis 80 Personen, die auch schon an Ausbildungslagern in Pakistan und Afghanistan teilgenommen hätten.

Nach dem Selbstmordattentat mitten in Stockholm dringt Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) auf schärfere Sicherheitsgesetze in Deutschland. «Das Attentat zeigt deutlich, dass wir wachsam bleiben müssen», sagte Ahlhaus vor einer Sitzung des CDU-Präsidiums in Berlin. Nun müssten sich die Kritiker einen Ruck geben, um bisher umstrittene Instrumente der Sicherheitsbehörden wie die Vorratsdatenspeicherung zu ermöglichen.

Der hessische Regierungschef Volker Bouffier sagte: «Wir sind nach wie vor in Europa im Zielspektrum.» Es gebe keinen Anlass, sich zurückzulehnen. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich verlangte eine enge Zusammenarbeit in Europa: «Die europäischen Länder sind sicherlich gut beraten, dass sie sich eng abstimmen bei ihren Sicherheitsvorkehrungen.»    

Die britische Polizei durchsuchte in der Nacht zum Montag die Wohnung des mutmaßlichen Täters in Luton. Scotland Yard teilte mit, dass es keine Festnahmen gegeben habe. Auch habe man kein gefährliches Material sichergestellt.

Lindstrand sagte, dass der Anschlag aus Sicht des Attentäters misslungen sei: «Er muss wohl irgendwelche Fehler gemacht haben, so dass eine der Bomben an seinem Körper zu früh detoniert ist.» Der Mann sei «mit Sprengstoff sehr gut ausgerüstet gewesen», so dass man als Ziel den Tod vieler Menschen annehmen müsse. Als mögliche Orte für die eigentlich geplante Explosion nannte der Staatsanwalt den Stockholmer Hauptbahnhof oder das Kaufhaus Åhléns.    

Nach Angaben von Schwedens größter Zeitung «Aftonbladet» war der Attentäter 1992 mit seinen Eltern nach Schweden gekommen. Nach dem Abitur begann er 2001 ein Studium an der englischen Universität Bedfordshire und schloss sich radikalislamistischen Gruppen in Luton an. Die Stadt hat einen hohen muslimischen Bevölkerungsanteil. Am Lutoner Bahnhof hatten sich auch die Attentäter vom 7. Juli 2005 versammelt, bevor sie zu ihren Anschlägen auf die Londoner U-Bahn und einen Linienbus starteten. Dabei starben damals 52 Menschen.

Völlig unklar blieben mögliche Verbindungen des Selbstmordattentäters zum Terrornetz Al-Kaida, zu dem er sich auch in Facebook-Mitteilungen bekannte. Auf Verbindungen zu Al-Kaida-Terroristen im Irak gibt es auch Hinweise auf verschiedenen Websites islamistischer Extremisten. Doch Details über den Lebenslauf des gebürtigen Irakers deuten darauf hin, dass er nicht in der Heimat seiner Eltern für den Kampf gegen «Ungläubige» indoktriniert wurde, sondern in Islamisten-Zirkeln in Europa.

«Aftonbladet» zitierte aus einer Kontaktanzeige in einer Dating-Site für Muslime, in der der 28-Jährige nach einer Zweitfrau suchte. Darin kündigte er auch an, dass er in ein arabisches Land umziehen wolle. Wenige Minuten vor den beiden Explosionen hatte er in einer Erklärung an die Polizei und die Nachrichtenagentur TT seine Familie um Verzeihung gebeten, weil er ihnen nicht die Wahrheit über die Trainingsaufenthalte für Terroranschläge im Ausland gesagt habe.

Terrorismus / Schweden
13.12.2010 · 22:11 Uhr
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