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Polen gibt Russland Mitschuld an Kaczynski-Unfall

Donald Tusk, hier im Dezember, hat seinen Urlaub abgebrochen und ist nach Warschau zurückgekehrt.Großansicht

Warschau/Moskau (dpa) - Mit massiven Zweifeln und Vorwürfen gegen russische Fluglotsen hat Polen auf Moskaus Untersuchungsbericht zum Flugzeugabsturz von Präsident Lech Kaczynski reagiert.

Der polnische Regierungschef Donald Tusk kritisierte die Ergebnisse als «unvollständig». «Nur einige polnische Bemerkungen wurden berücksichtigt», sagte Tusk am Donnerstag in Warschau. Zuvor hatte Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski, der Bruder des getöteten Präsidenten, scharfe Kritik am russischen Bericht geübt.

Um eine «gemeinsame Version» zu erarbeiten, müsse es weitere Gespräche mit der russischen Seite geben, sagte Tusk. Sein Land stelle die russischen Schlussfolgerungen nicht infrage, sondern weise nur auf Mängel hin. Russland sollte den Mut haben, die ganze Wahrheit zu zeigen, meinte Tusk. Die russische Untersuchungskommission hatte am Mittwoch in Moskau ihren Bericht zum Absturz vom April 2010, bei dem alle 96 Insassen starben, vorgelegt. Darin wird die gesamte Schuld an der Katastrophe der polnischen Seite zugewiesen, unter anderem den Piloten.

Polens Innenminister Jerzy Miller gab dagegen den Fluglotsen im westrussischen Smolensk Mitschuld. Sie seien beim Anflug der Präsidentenmaschine am 10. April 2010 abgelenkt gewesen. Russlands Transportminister Igor Lewitin wies dies zurück. Es gebe auf dem Stimmenrekorder eindeutige Beweise für den Druck des polnischen Luftwaffenchefs Andrzej Blasik auf die Piloten, trotz schlechten Wetters zu landen, sagte Lewitin nach Angaben der Agentur Interfax.

Moskaus Außenminister Sergej Lawrow wies die polnische Kritik als verleumderisch zurück. «Ich hoffe, dass es keine Spekulationen geben wird, und dass niemand versuchen wird, aus dieser Tragödie politisch Kapital zu schlagen», warnte Lawrow. Die Kommission sei «unabhängig». In ihrem rund 200 Seiten starken Bericht hatte das mit russischen Experten besetzte Gremium am Vortag die Hauptschuld der polnischen Seite zugewiesen.

Im Parlament in Warschau wies die Witwe des Luftwaffenchefs Blasik den Vorwurf zurück, ihr Mann habe mit 0,6 Promille Alkohol im Blut die Piloten trotz Warnung der russischen Flugüberwachung zur Landung gezwungen. Ewa Blasik sprach von einem «schändlichen Versuch, das Andenken an meinen Mann zu verleumden».

In Polen wurde mehrfach kritisiert, Hinweise auf Fehler der Fluglotsen sowie auf den schlechten Zustand des Flughafens seien in dem Moskauer Papier als unwichtig eingestuft worden. Warschaus Innenminister Miller kündigte für die kommende Woche die Veröffentlichung der internen Gespräche der russischen Fluglotsen an.

Moskau habe nichts gegen die Initiative Polens, sagte Transportminister Minister Lewitin. «Diese Dialoge sind nicht geheim.» Der Tower in Smolensk habe der Maschine die Landung nicht verbieten können, sagte er. Internationales Recht gebe Fluglotsen grundsätzlich kein Mandat für solche Anweisungen.

Der Zwillingsbruder des gestorbenen Präsidenten, der Oppositionspolitiker Jaroslaw Kaczynski, hatte den Bericht als «Hohn für Polen» kritisiert. Die Präsidentendelegation, darunter Kaczynskis Frau, war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier im westrussischen Katyn, dem Ort eines sowjetischen Massakers an tausenden Polen im Frühjahr 1940. In der Trauer um die Opfer der Flugzeugkatastrophe hatten Polen und Russland erstmals nach Jahren der Spannungen zueinandergefunden. Wegen des Streits um den Untersuchungsbericht zu dem Unglück mit der TU-154 stellen viele Polen die Versöhnung nun aber infrage.

Luftverkehr / Unfälle / Russland / Polen
13.01.2011 · 17:22 Uhr
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