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Peer Steinbrück - Noch längst kein Wirtschaftsprofessor

Hörsaal 3 im Hauptgebäude der Universität Leipzig ist rammelvoll. «So viele Leute haben wir nicht mal im gesamten Jahrgang», sagt ein Student, während er die Kommilitonen mustert, die auf dem Boden sitzen müssen. Die Vorfreude ist groß. Da werden Handys gezückt, Fotos gemacht, der Facebook-Status aktualisiert oder den Eltern eine SMS geschrieben. «Diese Vorlesung wird die erste, in der ich mucksmäuschenstill sein werde», flüstert eine Studentin ihrer Sitznachbarin zu, um dann mit Blick auf die anwesenden Fernsehkameras gleich zu widerrufen: «Obwohl - ich möchte eigentlich, dass man mich einmal laut schreien hört.»

Es wird in erster Linie der Promifaktor sein, der so viele Menschen hierher gelockt hat: Der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hält seine Antrittsvorlesung als Professor der Wirtschaftswissenschaften in Leipzig. Ohne Steinbrück wäre eine Vorlesung mit dem Thema «Die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Europäischen Währungsunion» vermutlich schlechter besucht, noch dazu an einem Freitag. Doch an diesem Freitag kommt neben dem Promi-Faktor auch noch die Aktualität hinzu: Während der neue Professor sich die Ehre gibt, versucht sich seine ehemalige Chefin Angela Merkel in Brüssel mal wieder an der Euro-Rettung.

Anekdoten und Stiche gegen Guttenberg

Bevor Steinbrück so richtig loslegt, erzählt er ein paar Anekdoten. Zum Beispiel, warum er keine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen hat. Er hätte eine Doktorarbeit geschrieben und wäre so gut wie fertig gewesen, erklärt er, doch dann blieb sie aufgrund seiner beruflichen Karriere auf der Strecke. Zu allem Überfluss sei sie kurz darauf bei einem Hochwasser in einem Karton im Keller zerstört worden, weshalb sie «heute auch nicht mehr gescannt und überprüft werden kann».

Es ist nicht sein einziger Seitenhieb in Richtung Karl-Theodor zu Guttenberg. Im Interview mit der Leipziger Volkszeitung sagte Steinbrück, dass seine Professur rein akademisch viel mehr Wert sei als Guttenbergs abgeschriebene Doktorarbeit. «Ich bin jetzt Honorarprofessor. Das wird den Guttenberg schon treffen, denke ich.»

Doch bevor Steinbrück sich weiter mit parteipolitischem Geplänkel beschäftigen kann, wird er von einem Handy unterbrochen - seinem eigenen. Er stoppt seinen Vortrag, liest die SMS und entschuldigt sich: «Es war nicht die Kanzlerin.»

Ich bin wichtig, ist seine Message

Ich bin noch immer Teil der ganz großen Politik, ist die Botschaft dieser ersten Steinbrück-Vorlesung. Und so wird inhaltlich die Wissenschaft auch schnell überholt von der aktuellen Euro-Politik. Die anwesenden Studenten lernen mehr über Steinbrücks politische Agenda als über Volkswirtschaftslehre. Aber zumindest ist sein Vortrag unterhaltsam und «nicht so langweilig wie eine normale Vorlesung», wie einer der Studenten sagt. Steinbrück möchte sich, das betont er mehrfach, nicht parteipolitisch äußern, aber er kommentiert aktuelle Entscheidungen. «Ich habe keinerlei Verständnis für das Verhalten der Rating-Agenturen», sagt er. Und er begrüße die von Merkel und Sarkozy initiierte Fiskalunion.

Erst danach kommt Professor Steinbrück zu seinem eigentlichen Thema, der europäischen Währungsunion. Er zeichnet ein düsteres Bild, eine Steinbrück-Dystopie, in der Europa zunehmend an Einfluss verliert und China immer mächtiger wird. «Wir sind hochnäsig zu glauben, dass die Dominanz des westlichen Systems anhalten wird. Das geht nicht.»

Deshalb müssten die Mitglieder der EU mit aller Kraft um sie kämpfen, denn nur gemeinsam habe man eine Chance. Außerdem müsse man Europa «als Antwort auf 1945» verstehen, da ist Steinbrück voll auf der Linie von Altkanzler Helmut Schmidt. Deshalb appelliert er direkt an die jungen Studenten, die die vielen Annehmlichkeiten in Europa als völlig normal ansehen und sich einen Krieg oder echte Armut kaum vorstellen können. «Wenn Sie glauben, Sie kriegen das umsonst oder Sie müssten sich nicht dafür einsetzen, dann täuschen Sie sich», ruft der Politiker unter Applaus. «Sie müssen sich dafür einsetzen.»

[news.de] · 09.12.2011 · 16:46 Uhr
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