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Paris droht mit Abzug aus Afghanistan

Frankreichs Präsident Sarkozy droht mit einem vorzeitigen Abzug der französischen Truppen vom Hindukusch. Foto: Charles Platiau/ArchivGroßansicht

Kabul/Paris (dpa) - Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen hat ein afghanischer Soldat französische Kameraden getötet und damit in Paris eine Debatte über einen vorzeitigen Truppenabzug ausgelöst.

Nach einer vorläufigen Bilanz des Verteidigungsministeriums in Paris kamen vier Soldaten ums Leben, 15 weitere wurden verletzt. Frankreich setzte alle Militäraktionen am Hindukusch vorübergehend aus. «Die französische Armee ist nicht in Afghanistan, um sich von afghanischen Soldaten beschießen zu lassen», sagte Präsident Nicolas Sarkozy am Freitag in Paris.

Er beorderte Verteidigungsminister Gérard Longuet nach Kabul, um die Sicherheitslage zu analysieren. Bislang will Frankreich seine Soldaten in Absprache mit dem den Alliierten bis Ende 2013/Anfang 2014 vom Hindukusch abziehen. Spätestens Ende 2014 sollen alle Nato-Truppen das Land verlassen haben. Nach offiziell unbestätigten Berichten will Sarkozy Ende Januar in Paris mit dem afghanischen Staatschef Hamid Karsai den Truppenabzug erörtern.

Die französischen Soldaten waren am Freitag beim Angriff eines afghanischen Soldaten in der ostafghanischen Provinz Kapisa getötet worden. Die internationale Schutztruppe Isaf teilte mit, der mutmaßliche Todesschütze sei festgenommen worden. Erst Ende vergangenen Monats hatte ein afghanischer Soldat zwei französische Kameraden erschossen. Vor elf Monaten waren bei einem ähnlichen Vorfall auf einem Außenposten in der nordafghanischen Provinz Baghlan drei deutsche Soldaten getötet worden.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) reagierte bestürzt auf den Zwischenfall. «Unsere Trauer und unser Mitgefühl sind in dieser schweren Stunde mit Frankreich und vor allem mit den Angehörigen und Freunden der getöteten Soldaten», sagte er am Rande eines Besuchs in Washington. Er betonte aber: «Solche tragischen Rückschläge dürfen uns von unserer Entschlossenheit und dem Engagement für Frieden und Aussöhnung in Afghanistan nicht abbringen.»

Frankreichs Verteidigungsminister Longuet sagte, er werde die Lage bis kommenden Dienstag analysieren und Sarkozy Vorschläge zu einem möglichen frühen Abzug präsentieren. In der Zwischenzeit würden alle Ausbilds- und Unterstützungsmissionen in Afghanistan ausgesetzt. Der jüngste Angriff sei «inakzeptabel».

Nach Angaben der afghanischen Polizei hatte der Attentäter in einem Stützpunkt afghanischer und ausländischer Truppen im Distrikt Tagab das Feuer auf eine Gruppe von Franzosen eröffnet. Der französische Außenminister Alain Juppé sagte, dabei seien auch 15 Soldaten verletzt worden, 8 von ihnen schwer. Der afghanische Präsident Hamid Karsai drückte sein tiefes Bedauern aus.

Der Einsatz in Afghanistan hat bislang mehr als 80 französische Soldaten das Leben gekostet. Frankreich hat bereits 400 Soldaten aus Afghanistan abgezogen und als einer der größten Isaf-Truppensteller derzeit noch rund 3600 Soldaten dort stationiert.

Die Nato will die Verantwortung schrittweise an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben und ihren Kampfeinsatz bis Ende 2014 beenden. Voraussetzung dafür ist die Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei.

Die «New York Times» zitierte am Freitag aus einem geheimen US-Militärbericht, wonach die Zahl tödlicher Angriffe einheimischer Soldaten auf ausländische Kameraden dramatisch zugenommen habe. Zwischen Mai 2007 und dem Ende des Berichtszeitraums vier Jahre später seien mindestens 58 westliche Soldaten bei 26 Vorfällen dieser Art getötet worden. Das seien sechs Prozent aller Soldaten, die in dieser Zeit in Afghanistan bei feindlichen Angriffe ums Leben gekommen seien.

In dem Bericht heißt es nach Angaben der Zeitung, solche Angriffe seien keine Einzelfälle. Anderslautende offizielle Darstellungen durch die Nato erschienen «unredlich». Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bezeichnete den tödlichen Angriff des afghanischen Soldaten auf die Franzosen am Freitag als bedauerlichen Einzelfall.

Beim Absturz eines Hubschraubers in Südafghanistan wurden unterdessen sechs Isaf-Soldaten getötet. Die Schutztruppe teilte am Freitag mit, die Ursache des Absturzes am Vortag werde untersucht. Nach ersten Erkenntnissen habe es in der Gegend keine «feindlichen Aktivitäten» gegeben. Zur Nationalität der Toten machte die Isaf wie üblich keine Angaben.

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«NYT»-Bericht
Konflikte / Afghanistan / Frankreich
20.01.2012 · 17:54 Uhr
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