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Papst unterschreibt Hirtenbrief

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Hamburg (dpa) - Rom hat gesprochen, aber keiner weiß, was. Papst Benedikt XVI. unterzeichnete am Freitag seinen mit Spannung erwarteten Brief zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, wie Vatikan-Sprecher Federico Lombardi bestätigte.

Veröffentlicht wird der Hirtenbrief erst am Samstag. Klar ist schon jetzt: Die Deutsche Bischofskonferenz verschärft ihre Leitlinien. Und aus dem Verdacht gegen den ehemaligen Leiter der nicht- konfessionellen hessischen Odenwaldschule, Gerold Becker, wurde Gewissheit: Der 73-jährige Pädagoge gestand am Freitag in einem Schreiben sexuelle Übergriffe auf seine Schüler.

Das Schreiben des Papstes ist an die Kirche in Irland gerichtet, wo sich Geistliche tausendfach an Kindern und Jugendlichen vergangen hatten. In Deutschland sind die Erwartungen aber hoch, dass sich Benedikt auch zu den vielen Fällen in seinem Heimatland äußert. In Rom hieß es, der Papst wolle klare Wege aufzeigen, wie Pädophilie in der Kirche verhindert werden soll. Bereits im Februar hatte Benedikt bei einem Krisengipfel mit der irischen Bischofskonferenz «null Toleranz», Aufarbeitung und Vorbeugung von Missbrauch gefordert.

Der im Dezember angekündigte Brief auf Italienisch und auf Englisch verzögerte sich offenbar wegen der jüngsten Skandalwelle auch in anderen europäischen Ländern. Der Vatikan will am Samstag auch kurze Zusammenfassungen in anderen Sprachen veröffentlichen.

Vertuschungsvorwürfe gegen Zollitsch - Dementi

Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche werden jetzt auch Vertuschungsvorwürfe gegen den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, erhoben. Während seiner Tätigkeit als Personalreferent in der Erzdiözese Freiburg soll er nach Recherchen der TV-Sendung «Report Mainz» und der «Badischen Zeitung» 1991 einen des Missbrauchs bezichtigten Pfarrer lediglich in den vorzeitigen Ruhestand versetzt haben. Die Staatsanwaltschaft sei damals nicht eingeschaltet worden. Ein Sprecher des Bistums Freiburg erklärte, der gegen den Freiburger Erzbischof erhobene Vorwurf der Vertuschung sei «unhaltbar». Der Ortspfarrer sei 1991 in den Ruhestand versetzt worden, obwohl es lediglich Gerüchte über «unsittlichen Kontakt zu Kindern» gegeben habe und dieser Verdacht zunächst nicht konkretisiert werden konnte.

Bischofskonferenz verschärft Leitlinien

Die von den bayerischen Bischöfen am Donnerstag beschlossene Meldepflicht gilt voraussichtlich künftig in allen deutschen Bistümern. Dann muss jeder Verdacht auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger der Staatsanwaltschaft angezeigt werden. Die bisher geltenden Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) verpflichten die Kirche nur bei einem erhärteten Verdacht und bei nicht-verjährten Fällen, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Außerdem kann die Kirche bisher auf eine Anzeige verzichten, wenn die Opfer das nicht wollen. DBK-Sprecher Matthias Kopp sagte dazu in Bonn: «Die Ergebnisse der Freisinger Bischofskonferenz werden in die Überarbeitung der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz einfließen.»

Psychotherapeut erhebt schwere Vorwürfe gegen Kirche

Im Skandal um sexuellen Missbrauch im Münchner Erzbistum hat der Psychotherapeut Werner Huth schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche erhoben. Mehrmals habe er die Bistumsleitung davor gewarnt, einen aus Essen nach München versetzten pädophilen Pater in der Jugendarbeit einzusetzen, sagte Huth dem «Tagesspiegel» (Samstag). Auch in der Amtszeit von Joseph Ratzinger - dem heutigen Papst Benedikt XVI. - als Münchner Erzbischof von 1977 bis 1981 habe er seine Bedenken leitenden Geistlichen vorgetragen, darunter auch einem Weihbischof, sagte der Psychotherapeut. Die Warnungen seien ignoriert worden. Der heute 80-jährige Huth hat als Psychiater und Psychotherapeut unter anderem sexuelle Störungen behandelt und war lange Berater für die katholische und die evangelische Kirche.

Don-Bosco-Orden: 18 Klagen über Missbrauch

Beim katholischen Orden der Salesianer Don Boscos haben sich bislang 18 Menschen wegen sexueller Übergriffe von Ordensangehörigen oder Mitarbeitern gemeldet. Einen entsprechenden Bericht der «Rhein- Zeitung» (Samstagausgabe) bestätigte der Orden am Freitagabend. In 20 anderen Fällen hätten Betroffene körperliche Misshandlung in Einrichtungen des Ordens beklagt. Die Vorwürfe beziehen sich auf die Zeit zwischen 1950 und 1990. Ein beschuldigtes Ordensmitglied und ein Erzieher seien bereits in den 60er beziehungsweise 70er Jahren verurteilt worden.

Missbrauchsfälle auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz werden immer mehr Fälle von sexuellem Missbrauch im Zusammenhang mit Amtsträgern der katholischen Kirche bekannt. Das Bistum Chur untersucht nach einem Bericht der Nachrichtenagentur SDA derzeit rund zehn Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch in den Kantonen Graubünden, Zürich und Schwyz. Zum Teil lägen die Vorkommnisse schon Jahrzehnte zurück.

Ex-Leiter der Odenwaldschule gesteht Sex-Übergriffe

Zwei Wochen nach schweren Missbrauchs-Vorwürfen hat der frühere Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker (73), sexuelle Verfehlungen zugegeben. «Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter und Leiter der Odenwaldschule war (1969-1985), durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedauere ich zutiefst und bitte sie dafür um Entschuldigung», schreibt der Reformpädagoge an die jetzige Schulleiterin Margarita Kaufmann. Die Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim gehört zu den bekanntesten Reformschulen in Deutschland. Über die Erklärung Beckers, die der dpa am Freitag vorlag, hatte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vorab berichtet.

Bisher haben sich 33 ehemalige Schüler als Opfer von Übergriffen zwischen den Jahren 1966 bis 1991 gemeldet. Beschuldigt werden acht Lehrer. Becker steht im Zentrum der Kritik, zumal es bereits 1999 erste Vorwürfe gegen ihn gab. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelte damals, stellte jedoch das Verfahren wegen Verjährung ein. Jetzt wird gegen Lehrer neu ermittelt, da es nach Angaben der Behörde auch jüngere Vorkommnisse geben könnte.

Kriminologe: Zahl der Missbrauchsfälle sinkt

Nach Angaben des Kriminologen Christian Pfeiffer sind die polizeilich registrierten Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern seit 1997 um knapp 30 Prozent zurückgegangen. Der tatsächliche Rückgang dürfte aber noch weit höher liegen, weil die Anzeigebereitschaft der Opfer von Sexualstraftaten deutlich zugenommen habe, sagte Pfeiffer der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Freitag). Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen meinte, dass Täter heute mehr als früher befürchten müssen, erwischt zu werden.

Nach den ersten Berichten über sexuelle Übergriffe an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg weitete sich der Missbrauchsskandal seit Februar immer weiter aus. Bundesweit meldeten sich viele Betroffene, die vor Jahren als Kinder in kirchlichen und nicht- kirchlichen Schulen und Einrichtungen missbraucht wurden.

Kriminalität / Kirchen / Vatikan
19.03.2010 · 22:24 Uhr
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