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Papst fordert gerechte Globalisierung

Papst Benedikt XVI.Großansicht
Rom/Berlin (dpa) - Papst Benedikt XVI. hat in seiner mit Spannung erwarteten ersten Sozialenzyklika eine für arme und reiche Länder gleichermaßen gerechte Globalisierung gefordert. Angesichts der aktuellen Krise seien Änderungen der Wirtschafts- und Finanzordnung dringend nötig.

Zur Durchsetzung regte Benedikt die Schaffung einer «echten politischen Weltautorität» an. Diese soll - offensichtlich klar über die Vereinten Nationen hinausgehend - «von allen anerkannt sein, über wirksame Macht verfügen, um für jeden Sicherheit, Wahrung der Gerechtigkeit und Achtung der Rechte zu gewährleisten».

Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte das Dokument als «Ermutigung für eine soziale Welt». Der Papst habe einen Auftrag für eine menschliche globale Ordnung gegeben, sagte die CDU-Politikerin. Dies schließe auch eine Entwicklungshilfe ein, die die Armen nicht im Stich lässt. Die Enzyklika gebe auch wichtige Hinweise für eine soziale Marktwirtschaft im globalen Rahmen.

Die Enzyklika kam einen Tag vor dem Beginn des G8-Gipfels der sieben führenden Industriestaaten und Russlands heraus, der sich mit der Wirtschaftskrise, mit dem verschärften Hunger in der Welt und den Klimazielen im Kampf gegen die Erderwärmung befasst. Benedikt hatte seine insgesamt dritte Enzyklika mehrfach verschoben, um sie, beraten von Wirtschaftsexperten, in der Weltwirtschaftskrise zu aktualisieren und dann mit führenden Staatenlenkern diskutieren zu können.

In «Caritas in veritate» (Die Liebe in der Wahrheit), so der Titel, pocht Benedikt auf ein Wirtschaften, das sich an ethischen Zielen und am Gemeinwohl ausrichtet. Die Finanz- und Wirtschaftskrise wie auch die fortschreitende Globalisierung sollten als Chance genutzt werden, eine Zukunft in Gerechtigkeit und Solidarität zu schaffen. Dabei prangert Benedikt erneut Hedonismus, freie Sexualität und materialistisches Denken als falsche Lebenshaltungen an. Statt Egoismus seien persönliche Verantwortung für die Welt und Orientierung an Gott geboten.

Die bereits von Papst Johannes XXIII. angeregte «Weltautorität» ist nach Benedikts Worten dringend nötig, «um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, eine Verschlimmerung der Krisen und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen». Zudem gehe es darum, «eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, die Sicherheit und den Frieden zu nähren, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren». Benedikt befürwortet eine rasche Reform der weltweiten Wirtschafts- und Finanzgestaltung und der UN. Merkel meinte zur Forderung des Papstes nach einer «Weltautorität», Autorität erwachse aus dem Handeln.

Für die Finanzmärkte ruft Benedikt nach einer neuen Ethik: «Die ganze Wirtschaft und das ganze Finanzwesen (...) müssen nach ethischen Maßstäben als Werkzeuge gebraucht werden, so dass sie angemessene Bedingungen für die Fortentwicklung des Menschen und der Völker schaffen.» Finanzmakler sollten die eigentlich ethische Grundlage ihrer Tätigkeit wiederentdecken, «um nicht jene hoch entwickelten Instrumente zu missbrauchen, die dazu dienen können, die Sparer zu betrügen». Auch habe sich in den vergangenen Jahren eine kosmopolitische Klasse von Managern gezeigt, «die sich oft nur nach den Anweisungen der Hauptaktionäre richten.»

«Caritas in veritate» versteht sich als Fortschreibung der von Benedikt eingehend gewürdigten Sozialenzyklika «Populorum progressio» von Papst Paul VI. (1967). Ohne Gewissen und Verantwortung werde soziales Handeln «ein Spiel privater Interessen und Logiken der Macht, mit zersetzenden Folgen für die Gesellschaft», schreibt das Kirchenoberhaupt.

«Die Krise verpflichtet uns, unseren Weg neu zu planen, uns neue Regeln zu geben und neue Einsatzformen zu finden, als positive Erfahrungen zuzusteuern und die negativen zu verwerfen», wandte sich Joseph Ratzinger gegen Resignation. Absolut gesehen nehme der weltweite Reichtum zwar zu, doch die Ungleichheiten vergrößerten sich. In reichen Ländern verarmten neue Gesellschaftsklassen. «Während die Armen der Welt noch immer an die Türen der Üppigkeit klopfen, läuft die reiche Welt Gefahr, wegen eines Gewissens, das bereits unfähig ist, das Menschliche zu erkennen, jene Schläge an ihre Tür nicht mehr zu hören.»

Den Hunger zu besiegen hält der Papst auch für dringend, «um den Frieden und die Stabilität auf der Erde zu bewahren». Dafür fehle eine Ordnung wirtschaftlicher Institutionen sowie eine gerechte Agrarreform und innovative landwirtschaftliche Technologie. «Wir dürfen nicht Opfer sein, sondern müssen Gestalter werden, indem wir mit Vernunft vorgehen und uns von der Liebe und von der Wahrheit leiten lassen», sieht Benedikt die Globalisierung auch als Chance.

Der Papst bekräftigte die «dringende moralische Notwendigkeit einer erneuerten Solidarität», vor allem zwischen Entwicklungsländern und Industriestaaten: «Es gibt Platz für alle auf dieser Erde: Auf ihr soll die ganze Menschheitsfamilie die notwendigen Ressourcen finden.»

«Hätte der Papst die Enzyklika vor der Krise veröffentlicht, wäre sie als prophetisch angesehen worden», meinte der für soziale Gerechtigkeit im Vatikan zuständige Kardinal Renato Martino bei der Vorstellung. Durch die Verzögerung sei es jetzt zur vertieften Kritik eines Systems geworden, das solche Krisen möglich mache. Benedikts Botschaft sei dabei aber nicht als «anti-kapitalistisch» anzusehen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, sprach von einem entscheidenden Beitrag zur Globalisierungs- und Gerechtigkeitsdebatte. Der Papst rufe vor dem G8-Gipfel nicht nur die politisch Verantwortlichen zum Handeln auf, sondern ermutige alle Menschen guten Willens, sich als Gestalter zu sehen: «Umdenken ist bei allen gefordert.» Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx nannte den Text ein «moralisches Ausrufungszeichen» - ein Auftrag an Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und keine «Jammerschrift gegen die Schlechtigkeit der Welt». Dagegen sieht Sozialethiker Prof. Friedhelm Hengsbach Defizite der Enzyklika: «Gerade die Probleme der Finanzmärkte sind ziemlich schwach und blass dargestellt.» Das Dokument bietet nach Ansicht des Deutschen Caritasverbands Kraft und Halt in der Wirtschaftskrise.

Kirchen / G8 / Vatikan
07.07.2009 · 18:48 Uhr
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