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Papst-Brief am Samstag - Meldepflicht gefordert

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Rom/Vierzehnheiligen (dpa) - Die katholische Kirche in Deutschland rechnet mit strengen Vorgaben des Papstes zum Missbrauchsskandal. Der lang erwartete Hirtenbrief von Benedikt XVI. wird an diesem Freitag unterzeichnet und am Samstag veröffentlicht.

Er ist an die irischen Bischöfe gerichtet, soll aber auch Konsequenzen aus den vielen Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern im Heimatland des Papstes ziehen. In den Niederlanden haben katholische Geistliche nach einem neuen Bericht auch blinde Kinder regelmäßig sexuell missbraucht.

Die katholischen Bischöfe in Bayern fordern eine juristische Meldepflicht bei jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in der Kirche. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) begrüßte den Vorstoß. Es sei ganz wichtig, dass «bei Anhaltspunkten, die sich etwas verdichten, dann auch die Informationen an die Staatsanwaltschaft gehen», sagte sie im Bundestag. Im Bistum Rottenburg-Stuttgart sind bisher 14 Priester in Verdacht geraten. Im Bistum Speyer wurden zwei weitere Fälle bekannt. Die katholischen Frauen verlangen eine Debatte über die kirchliche Sexualmoral.

«Der Heilige Vater wird den irischen Katholiken, aber auch allen Episkopaten (Bischöfen) deutlich die nötigen Wege weisen, wie die Plage der Pädophilie in der Kirche ausgemerzt werden kann», erläuterte der Kurienkardinal José Saraiva Martins am Donnerstag in Rom. Erwartet werden auch praktische Vorgaben des Papstes, wie solche Skandale künftig verhindert werden können. Die irische Kirche wird seit Jahren von tausenden Fällen des Missbrauchs an Kindern erschüttert. Das Schreiben des Papstes werde aber auch der Kirche in Deutschland gelten, sagte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick.

Die bayerischen Bischöfe forderten zum Abschluss ihrer Frühjahrsvollversammlung im Wallfahrtsort Vierzehnheiligen eine Verschärfung der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz. Diese verpflichten die Kirche bisher nur bei einem erhärteten Verdacht und bei nicht-verjährten Fällen, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Außerdem kann die Kirche auf eine Anzeige verzichten, wenn die Opfer das nicht wollen. Die Lücke soll nun geschlossen werden.

«Verdacht ist ein juristischer Begriff, und da ist die Staatsanwaltschaft zuständig», sagte der Münchner Erzbischof Reinhard Marx. «Deshalb empfehlen die bayerischen Bischöfe einstimmig, bei der Überarbeitung der Leitlinien die Meldepflicht bei Verdacht von sexuellem Missbrauch und körperlichen Misshandlungen an die Staatsanwaltschaft festzuschreiben und sie unabhängig davon sofort zu praktizieren.» Die katholischen Bischöfe in Deutschland hatten bei ihrer Vollversammlung in Freiburg Ende Februar bereits beschlossen, die Leitlinien bis zum August zu überarbeiten.

Blinde Kinder in Holland missbraucht

Der sexuelle Missbrauch blinder Kinder in den Niederlanden kam nach Recherchen des staatlichen Rundfunks und der Zeitung «NRC Handelsblad» ans Licht. An den Sexualverbrechen im Blindeninstitut Sint Henricus in der südniederländischen Ortschaft Grave seien nach Aussagen Betroffener in den 60er Jahren sechs Mitglieder des katholischen Männerordens Fraters van Tilburg beteiligt gewesen.

«Es geschah mehrmals pro Woche in der Schulklasse - auch die anderen Kinder konnten ja nichts sehen - oder in einem Abstellraum», berichtete der 54-jährige damalige Internatsschüler Peter Dijcks. Das sei mindestens drei Jahre lang so gegangen. Kirchenintern sei der Missbrauch vertuscht worden, schreibt die Zeitung. Blinde Kinder sind dem Bericht zufolge auch immer wieder misshandelt worden.

Der heutige Leiter des Männerordens, Jan Koppens, bedauerte die Taten und nannte sie «verbrecherisch». Keiner der beschuldigten Geistlichen ist noch am Leben. Die Fraters van Tilburg hatten die Führung des Blindeninstituts Ende der 80er Jahre abgegeben.

Weitere Fälle im Bistum Speyer

Ein Sprecher des Bistums Speyer gab zwei weitere Verdachtsfälle bekannt: Ein Mann habe gemeldet, dass er als Junge in den 60er Jahren von einem Gemeindepfarrer sexuell missbraucht worden sei. Im zweiten Fall ist eine Frau betroffen, die als Schülerin von einem - inzwischen gestorbenen - Pfarrer unsittlich berührt worden sein soll.

Die Landauer Staatsanwaltschaft stellte Ermittlungen gegen einen als Seelsorger tätigen Pater ein, der sich nach Missbrauchs- Vorwürfen selbst angezeigt hatte. Einen entsprechenden Bericht der Zeitung «Die Rheinpfalz» bestätigte ein Sprecher.

In einem weiteren Fall stellte die Staatsanwaltschaft Koblenz das Verfahren wegen Verjährung der Taten ein. Dabei ging es um einen katholischen Priester und ehemaligen Religionslehrer, der sich in den 80er Jahren an einem Gymnasium im Kreis Mayen-Koblenz an Schülern vergangen haben soll. Der Mann, der zuletzt als Seelsorger in einem Kurort in Bayern gearbeitet hat, gab zu, «in den Jahren 1985 bis 1987 drei Schüler im Alter von 17 beziehungsweise 18 Jahren missbraucht zu haben», teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Insgesamt 13 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen sind seit 2005 an Schulen in Rheinland-Pfalz bekanntgeworden. In einem Fall sei eine Haftstrafe verhängt worden, sagte Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) im Landtag in Mainz. Die Ermittlungen gegen Lehrer dauern in drei aktuellen Fällen noch an. «In den anderen Fällen wurden die Ermittlungsverfahren zum Teil mit Auflagen eingestellt», sagte Ahnen. Es habe dienstrechtliche Maßnahmen wie vorübergehende Entfernungen aus dem Schuldienst, Verweise, Geldbußen und Missbilligungen gegeben.

Auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat ein Disziplinarverfahren gegen einen ehemaligen Pfarrer eröffnet, der in Friedrichsdorf vor mehr als 17 Jahren mindestens vier Jungen sexuell missbraucht haben soll. Die Staatsanwaltschaft sei eingeschaltet worden, teilte die Landeskirche in Darmstadt mit.

Katholische Frauen fordern Debatte über Sexualmoral

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) fordert einen offeneren Umgang der Kirche mit Sexualität. Neben der schonungslosen Aufklärung der Fälle müsse jetzt auch grundsätzlich über die Sexualmoral geredet werden, sagte die kfd-Bundesvorsitzende Maria Theresia Opladen in Düsseldorf. Die Bistümer sollten verstärkt Fachfrauen einsetzen - sowohl in den Anlaufstellen für Opfer sexuellen Missbrauchs als auch bei der Ausbildung von Priestern.

Kirchen / Kriminalität / rpt rpt rpt
18.03.2010 · 17:59 Uhr
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