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Pannenprojekte - Von wegen deutsche Wertarbeit

Vom Prestige- zum Pannenprojekt ist es manchmal nur ein kurzer Weg. Kaum ein Beispiel zeigt dies derzeit so deutlich wie das des künftigen Hauptstadtflughafens Berlin-Brandenburg (BER). Der neue Airport, der die Standorte Schönefeld und Tegel ersetzen soll, schreibt nicht nur als größte Flughafenbaustelle in Europa Geschichte, sondern auch als pannenreichste. Bereits zweimal musste die geplante Eröffnung verschoben werden. Immer wieder warfen Gerichtsverfahren die weitere Planung zurück, etwa als die Schallschutzbestimmungen nach Klagen verschärft wurden.

Zuletzt hatten die Verantwortlichen vor Gericht einen Erfolg verbuchen können. Am Dienstag wies das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eine Klage von Anwohnern zurück, die sich wegen vermeintlich falscher Angaben über Flugrouten betrogen fühlten. Rein juristisch steht einer Eröffnung des BER im März 2013 damit nichts mehr im Wege. Ob das Milliardenprojekt bis dahin allerdings fertig wird, ist fraglich. Insider berichten von zahlreichen Brandherden und notwendigen Nachbesserungen. Selbst Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer warnte jüngst, den Termin auf gedeih und verderb einhalten zu wollen.

Doch eine weitere Schlappe können sich die Flughafen-Planer kaum leisten. Schon im Sommer 2010, knapp vier Jahre nach dem ersten Spatenstich, musste der ursprünglich anvisierte Eröffnungstermin im Oktober 2011 verschoben werden - wegen der Pleite einer Planungsfirma und verschärften Sicherheitsbestimmungen. Nur vier Wochen vor dem neu angesetzten Termin, am 3. Juni 2012, wackelte dieser wieder. Nach Problemen mit der Brandschutztechnik wurde auf den 17. März 2013 ausgewichen. Fix ist auch dieser Termin nicht. Er soll nochmals geprüft werden; eine Entscheidung soll der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft im August treffen.

Die Konsequenz aus all der Verschieberei: Eine bereits organisierte Eröffnungsparty mit 14.000 geladenen Gästen musste abgesagt werden; die Sommerflugpläne der Airlines, die mit dem BER kalkulierten, mussten umgeschichtet werden. Für die Stadt Berlin, Gesellschafterin des Großprojektes, bedeutet das millionenschwere Schadenersatzforderungen. Hinzu kommen Mehrkosten für Schönefeld und Tegel, die weiterbetrieben werden müssen. Und das obwohl der Airport ohnehin schon knapp eine Milliarde teurer wird als veranschlagt. Mit vier Milliarden Gesamtkosten wird gerechnet.

Pleiten, Pech und Pannen auch bei Stuttgart 21 & Co.

Der BER ist aber nicht das einzige deutsche Großprojekt der vergangenen Jahre, das sich wegen baulicher Mängel oder Bürgerklagen verzögert, verteuert hat oder gar nicht erst realisiert wurde. Der Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs zum Tiefbahnhof erzürnt die Gemüter seit 2010. Die Randlage von Stuttgart im Streckennetz der Deutschen Bahn rechtfertige das Megaprojekt nicht, unken Experten. Weil es von Politik und Wirtschaft im Hinterzimmer ausgeklüngelt wurde, fühlen sich die Bürger übergangen. Immer wieder nach oben korrigierte Kosten- und Zeitprognosen tun ihr Übriges.

Ein lange umkämpfter Volksentscheid 2011 fiel dennoch zugunsten von Stuttgart 21 aus. Derzeitiger Stand der Planung: 4,3 Milliarden Euro Kosten, Fertigstellung 2020. Das Ende der Fahnenstange ist das nach Meinung vieler jedoch nicht. Gleiches gilt für die Elbphilharmonie in Hamburg. Das Bauende des Konzerthauses, das eigentlich schon 2010 eröffnet werden sollte, ist ungewiss. Immer wurde die Eröffnung verschoben. Gleichzeitig stiegen die Kosten ins Unermessliche; aus 77 Millionen in der Planung wurden mittlerweile knapp 480 Millionen.

Seit Mai 2010 beschäftigt sich ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit dieser Kostenexplosion. Er soll Licht ins Dunkel der Verträge bringen, um derartigen Unverhältnismäßigkeiten künftig vorzubeugen. Ein solcher Ausschuss konnte das Übel am Nürburgring nicht mehr verhindern. Nach dem Scheitern der zum Freizeitpark umfunktionierten Rennstrecke hat das Unternehmen Insolvenz angemeldet, hunderte Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Über 200 Millionen Euro könnte den Steuerzahler die Pleite kosten; der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, steter Verfechter des Projekts, muss sich nun Rücktrittsforderungen erwehren.

Ein Aushängeschild sind solche teuren Verfehlungen weder für die betroffenen Einzelprojekte noch für die im Ausland oft hochgelobte deutsche Bauwirtschaft im Allgemeinen. Ihr haben die Beispiele enormen Missmanagements und zum Teil miserabler Öffentlichkeitsarbeit erhebliche Schrammen verpasst. Zumal die vier genannten Großprojekte nur an der Oberfläche einer buchstäblichen Pannenreihe kratzen. Aktuell sind rund 20 namhafte Bauvorhaben in Millionenhöhe im Verzug oder stehen still und reißen damit neue Löcher in die Kassen der Investoren und des Staates.

Klicken Sie sich durch eine Auswahl der teuersten Pannenprojekte in Deutschland - in unserer Fotostrecke!

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Aktuelles / Politik
[news.de] · 03.08.2012 · 10:38 Uhr
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