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Ohne Abschluss - Letzte Chance für Schulversager

Neulich in der Tischlerei der Produktionsschule Altona. Beim Zusägen bleibt ein Teil der Platte übrig. «Da müssen wir ja 20 Prozent der Tischplatte wegwerfen!» merkt Martin Krinke an, der Leiter der Schule. «Prozentrechnen kann keiner, wenn er herkommt», sagt er später im Interview. «Warum? Sie sollen es in der Schule mit 12 Jahren lernen und haben keinen Bezug dazu, sie können es nicht anwenden. Es gibt einfach Leute, die müssen es im wahrsten Sinne des Worte begreifen. Anfassen. Das können sie hier.»

Sein Schüler jedenfalls hat Feuer gefangen: «Prozent, das hab ich schon mal gehört. Wie rechnet man das denn?» In dem Moment habe der Jugendliche zum ersten Mal begriffen, warum Prozentrechnung sinnvoll ist, sagt Krinke. Ganz locker im Gespräch erklärt er ihm, dass man, wenn die Tischplatte 100 Euro kostet, dann 20 Euro wegwirft. «Das ist aber viel», ist die Reaktion. Kringe gibt die Information an die Lehrerin weiter, und am nächsten Vormittag wird im Unterricht die Prozentrechnung vertieft.

Ein Beispiel, wie Lernen funktionieren kann bei Jugendlichen, die in keiner Schule Erfolg hatten. Seit zehn Jahren arbeitet die Produktionsschule in Hamburg-Altona praktisch auf den Hauptschulabschluss hin, in Werkstätten für Grafik und Druck, Internet-Dienstleistungen, Küche und Tischlerei. Nur zwei Stunden Theorie gibt es jeden Morgen, dennoch ist die Erfolgsquote enorm. Von 27 Schulabbrechern, die sich im vergangenen Sommer zur externen Prüfung meldeten, bestanden 25 mit gut oder sehr gut.

Die Laufbahn zum Schulabbrecher beginnt schon vor der Schule

Die Produktionsschule in Altona war vor 13 Jahren die erste, die das Konzept aus Dänemark übernahm, in den letzten drei Jahren sind in Hamburg sechs weitere hinzugekommen. 400 Schulabbrecher pro Jahr bekommen hier derzeit noch eine Chance, die meisten nutzen sie. «Schule ist Kopfsache, da wird gelernt für die Lehrer, für die Eltern, für die nächste Arbeit, fürs Zeugnis. Wenig für sich selbst. Diesen Anforderungen stellt sich nicht jeder, vor allem in dem Alter», beschreibt Krinke das Scheitern seiner Schüler.

Hier arbeiten sie an echten Aufträgen, haben echte Erfolgserlebnisse und qualifizieren sich für einen Ausbildungsplatz. Nachdem sie im schicken Stadtteil Blankenese ein Klettergerüst für einen Kindergarten gebaut hatte, wollten viele reiche Eltern bei ihnen bestellen, erzählt Krinke. So etwas pinselt das zerrüttete Selbstbewusstsein.

Der klassische Schulabbrecher? Intellektuelle Fähigkeiten seien da der geringste Faktor. Es sind Jugendliche aus Familien, in denen wenig Wert auf Bildung gelegt wird, viele Migranten, die als Kinder nicht im Kindergarten waren und schon bei der Einschulung anderthalb Jahre den anderen hinterherhinken. «Das holen sie nicht auf», sagt Kringe. Sie werden zu Störenfrieden und Schulschwänzern.

Erfolgserlebnisse für hoffnungslose Fälle

Auch Jonas* hat jetzt seinen Abschluss. Damit hatte niemand mehr gerechnet, am wenigsten er selbst. Auf drei Hauptschulen machte er Stunk, von dreien flog er. Zu viel blau gemacht, eine große Klappe gehabt, als Heimkind ohnehin stigmatisiert.

Eine Kette unglücklicher Zusammenhänge, zu denen er selbst seinen Teil beigetragen hat, dessen ist er sich bewusst. Ein hoffnungsloser Fall für die Lehrer, für die Statistik einer von mehr als 50.000 Schulabbrechern, die in Deutschland jedes Jahr durchs Bildungsnetz fallen – meistens mitten hinein in Hartz IV. Im Schuljahr 2010/2011 sind 6,5 Prozent ohne Abschluss abgegangen, veröffentlichte das Statistische Bundesamt in der vergangenen Woche. Mehr Jungs als Mädchen, mehr im Westen als im Osten, mehr im Norden als im Süden und insgesamt viele Migranten. Trotz großer Bildungsoffensive, die Ministerin Schavan und die Kultusminister 2007 ankündigten, ist es nur ein ganz leichter Rückgang.

Doch Jonas hat seinen Abschluss seit Sommer 2011 in der Tasche, mit Bravour bestand er die externe Prüfung. Sein Dank gilt der Mannheimer Straßenschule, einem Projekt des Zentrums für Straßenkinder Freezone. Viermal die Woche, drei Stunden am Abend hat er hier in einer Zehnergruppe gelernt. Fünf angehende Lehrer, die meisten noch Studenten, bringen den zehn Abbrechern den Stoff bei, ein Schülerquote, von denen gestresste Lehrer auf staatlichen Schulen nie zu träumen wagten. Stunk und Schwänzen gibt es auch hier, doch die Sozialarbeiter des Freezone-Zentrums können viel abfedern.

Für die wenigsten ist Platz in den Erfolgsprojekten

Die Mannheimer Straßenschule finanziert sich komplett aus Spenden, in ihrem zweiten Jahr kämpft sie nun um öffentliche Zuschüsse. Den Hamburger Produktionsschulen geht es besser, sie werden komplett vom Senat finanziert. Hamburg wies noch 2001 mit 12,5 Prozent eine der höchsten Abbrecherquoten Deutschlands auf. Bis 2010 hat der Stadtstaat es geschafft, den Anteil auf 7,7 Prozent zu senken, was nicht zuletzt den Produktionsschulen zu verdanken ist.

45 Produktionsschulen gibt es in Deutschland, vor allem in den nördlichen Bundesländern. Doch nur der geringste Teil der Schulabbrecher hat das Glück, in so einem attraktiven Projekt unterzukommen. Allein in Hamburg brechen jedes Jahr fast zehnmal so viele Schüler ab, wie es Plätze an den Produktionsschulen gibt.

Der Staat parkt die Problemschüler typischerweise an Berufsschulen, in Berufsvorbereitungsjahren oder Berufsgrundschuljahren. Dort geht es meist weiter wie zuvor: stören, schwänzen, scheitern. Die Hamburger Berufsschulen haben laut Martin Krinke 70 Prozent Fehlzeiten - er hat eine Anwesenheitsquote von 78 Prozent.

*Name geändert

[news.de] · 09.04.2012 · 08:00 Uhr
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