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Offizielle Filesharing-Kirche - Strg+C statt Jesus-Kreuz

Nullen und Einsen unser, die ihr seid im Netzwerk. Geheiligt werde eure Verfügbarkeit. Eure Datenströme kommen. Euer Download geschehe, wie im iPad, so auch auf dem Laptop. Unser täglich File-Futter gebt uns heute. Und vergebt uns unsere Schuld. Und führt uns in Versuchung. Und erlöst uns vom Urheberrecht. Denn Euer ist das Datenreich und die Kraft und die herrliche Ewigkeit. Amen.

So könnte ein Gebet der schwedischen Filesharer ablaufen. Tut es nicht in Wirklichkeit, denn die Jungs (und wahrscheinlich auch Mädels) nehmen ihr Anliegen ernst. So ernst sogar, dass im dritten Anlauf gar die schwedischen Behörden ein Einsehen hatten. Die «Missionarische Kirche des Kopimismus», die dem Filesharing und Raubkopieren huldigt, ist nun als offizielle Glaubensgemeinschaft anerkannt. Ganz einfach war es nicht: Die Gläubigen versuchten eine Anerkennung als Kirche bereits seit 2010, doch erst nach genauen Beschreibungen, wie Gebet und Meditation ablaufen sollen, zeigten sich die schwedischen Behörden anerkennungswillig.

Die 3000 Mitglieder sind damit dem Christentum gleichgestellt: Sie haben den Sprung geschafft, nicht mehr als Sekte, sondern als glaubwürdige Glaubensgemeinschaft gewählt worden zu sein. Der Name «Kopimist» leitet sich übrigens vom englischen «copy me» ab.

«Kopieren vom Stigma befreien»

Den Anhängern sind Strg+C und Strg+V heilige Symbole, also die Tastaturkombinationen für das Kopieren und Einfügen von Computerinhalten. Die Pendants zum heiligen Kreuz, an dem Jesus für die Schlechtigkeit der Menschheit büßte. Den Filesharern jedoch sind Informationen heilig und das Kopieren ein Sakrament. Informationen, sagen sie, seien ein Wert an sich, der sich durchs Kopieren steigere.

Der spirituelle Führer der Kopomisten, der Philosophie-Student Isak Gerson, sagte in einem Interview mit dem Torrentfreak, das vom österreichischen Standard übersetzt und an dieser Stelle per Strg+C und Strg+V eingepflegt wurde, um ebenfalls eine kleine Huldigung an die Filesharer auszusprechen und ehrlicherweise auch, um etwas Arbeitszeit einzusparen; Filesharing-Führer Gerson jedenfalls sagte: «Das ist ein erster Schritt hin zum Tag, an dem wir unseren Glauben ohne Angst vor Verfolgung ausleben können.» Und weiter: «Kopieren hat für viele immer noch ein Stigma. Viele Menschen haben Angst, dass sie eingesperrt werden, wenn sie kopieren und remixen. Ich hoffe im Namen der Kopimi, dass sich das ändern wird.»

Da erscheint die Plagiatsaffäre des früheren Verteidigungsministers zu Guttenberg in einem ganz neuen Lichte. Vielleicht ist Guttenberg der heimliche Jesus der Kopimisten: Er kämpfte für seine Überzeugungen, er plagiierte, er ließ Schimpf und Schande über sich ergehen und trat schließlich zurück, um seine Strafe durch die ungläubigen Mitmenschen anzutreten. Sein im November vergangenen Jahres erschienenes Buch Vorerst gescheitert ist wohl eine göttliche Vorsehung, eine Art Pfingsten der Kopimisten: Vernehmet, es ist nicht umsonst gewesen. Denn Euer ist das Datenreich und die Kraft und die herrliche Ewigkeit. Amen. Und Ausschalten.

[news.de] · 07.01.2012 · 08:04 Uhr
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