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Odenwaldschule will Archiv für Forschung öffnen

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Heppenheim (dpa) - Für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule soll auch das Archiv der Schule herangezogen werden. Es müsse umfassend untersucht werden, was passiert und was schief gelaufen sei. sagte Schulvorstandssprecher Johannes von Dohnanyi der Nachrichtenagentur dpa.

«Ich könnte mir sehr gut vorstellen, das Archiv einer Gruppe von Wissenschaftern zu übergeben», betonte er. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» hat es offenbar schon in den Anfangsjahren der Reformschule Missbrauchsfälle gegeben. Historische Briefe enthielten Hinweise auf mehrere Übergriffe durch Lehrer bald nach der Gründung der Schule vor 100 Jahren. Unter anderem schildere eine Mutter im Jahr 1924 in einem Brief an die Schulleitung detailliert, dass ihr zwölfjähriger Sohn von einem Erzieher missbraucht worden sei.

Der «Spiegel» stützt sich auf die Dissertation der Erziehungswissenschaftlerin Christl Stark, die Tausende Briefe von Eltern an Schulgründer Paul Geheeb und dessen Frau ausgewertet habe. Darin verlangten Eltern von Geheeb Rechenschaft unter anderem über vermutete oder bewiesene sexuelle Beziehungen ihrer Töchter von Mitarbeitern der Odenwaldschule, schreibt Stark in ihrer Arbeit aus dem Jahr 1998. In den Briefen an die Schulleitung klagten Eltern auch über sexuelle Übergriffe durch ältere Schüler.

Das Archiv sei ihm nicht bekannt, sagte Dohnanyi, der seit wenigen Wochen dem Vorstand der Schule angehört. Die Aufarbeitung habe erst begonnen, und erst jetzt sei Missbrauch überhaupt ein gesellschaftliches Thema, obwohl es Berichte darüber schon vor mehr als zehn Jahren gegeben habe.

Die Odenwaldschule, die vor gut einer Woche mit einer viertägigen Veranstaltung ihr 100-jähriges Bestehen feierte, unternehme alles, um aufzuklären, sagte Dohnanyi. «Wir tun das mit beispielloser Schonungslosigkeit.» Bei den Jubiläumsfeiern in der vergangenen Woche hätten Betroffene öffentlich über ihre Erlebnisse berichtet. «So ein Hearing hat es in Deutschland noch nicht gegeben.»

Die Schule ist ein bundesweit bekanntes Reforminternat im südhessischen Heppenheim. Ehemalige Schüler berichten über zahlreiche Missbrauchsfälle in der Zeit zwischen den 1960er Jahren und Anfang der 1990er. Zwei Juristinnen, die von der Schule mit der Aufklärung beauftragt worden sind, zählten zuletzt mehr als ein Dutzend Beschuldigte und mehr als 50 Opfer.

Allein der jüngst gestorbene Ex-Schulleiter Gerold Becker soll 17 Jungen missbraucht haben. Gegen Becker wie gegen mehrere andere Ex-Lehrer an dem reformpädagogischen Landschulheim, wo Schüler und Lehrer auf engstem Raum zusammenleben, hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt ihre Ermittlungen vor wenigen Wochen wegen Verjährung eingestellt.

Kriminalität / Schulen
18.07.2010 · 15:07 Uhr
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