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Norwegen unter Schock: «Vom Paradies in die Hölle»

Trauer in Oslo: Blumen in der Kathedrale der norwegischen Hauptstadt.Großansicht

Kopenhagen/Oslo (dpa) - Eine idyllische Fjordinsel, ein Ferienparadies für Jugendliche verwandelt sich zu einer tödlichen Hölle. Das Regierungsviertel in Oslo gleicht einer Kriegszone.

Norwegen hat mit dem Bombenanschlag im Herzen seiner Hauptstadt und dem entsetzlichen Massaker auf der kleinen Insel Utøya einen Schock erlebt, den die wenigsten am Samstag fassen konnten. Mehr als 90 Menschenleben hat ein vermutlich rechtsradikaler Norweger ausgelöscht.

«Unbegreiflich» nannte auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg diese «schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg». Tatsächlich überstiegen das Ausmaß, die Heimtücke und auch die grenzenlose Brutalität der zwei Anschläge von Freitag alles bisher in Skandinavien Erlebte um ein Vielfaches: Ein Einzelner, möglicherweise mit einem Helfer, ließ erst im Regierungsviertel von Oslo eine gewaltige Bombe detonieren. Als sämtliche Kräfte für Rettungseinsätze und auch die polizeilichen Ressourcen hier in Aktion waren, schlugen der oder die Täter im 40 Kilometer entfernten Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF zu.

Seinen Hass gerade auf diese Partei hatte der mutmaßliche Täter auch in Internet-Beiträgen mehrfach nach außen getragen: Die AUF nannte er in Anlehnung an die Hitlerjugend höhnisch «Stoltenberg-Jugend». Norwegens frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, für die meisten Norweger eine Landesmutter, war für ihn eine «Landesmörderin».

Vielleicht auch weil die Meldung von der Bombendetonation das ganze Land, Behörden, die Regierung und die Polizei total in Beschlag nahm, konnten der oder die Täter auf der Insel 600 Jugendliche knapp eine dreiviertel Stunde wie Freiwild jagen und mindestens 81 töten.

«Hier zeigte sich das Schlechteste im Menschen, aber auch das Beste», berichtete ein Augenzeuge im Rundfunksender NRK: Als die ersten Schüsse vom Festland aus zu hören waren, machten sich sofort alle möglichen Anwohner und Touristen mit ihren Booten auf den Weg, um möglichst viele der Jugendlichen trotz Kugelhagel aus dem Wasser zur holen: Die Teenager versuchten schwimmend zu fliehen und wurden auch dabei noch beschossen.

«Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt», fasste Stoltenberg seine Gefühle nach dem unfassbar schlimmen Tag zusammen. Für die 4,5 Millionen Norweger stand nicht zuletzt der Regierungschef nach den fast 100 Opfern und ihren Angehörigen im Blickpunkt.

Erst wurde seine eigene Regierungskanzlei bei der Bombenexplosion schwer beschädigt. Das Gebäude war am Tag danach ebenso wenig nutzbar wie mehrere benachbarte Ministerien im Regierungsviertel. »Wir sind aber als Regierung voll funktionsfähig» musste Stoltenberg versichern - für das gerade jetzt während der Sommerferien betont friedliche und traditionelle stabile, gut funktionierende Skandinavien eine unwirklich klingende Versicherung.

Und dann galt die Attacke auf das Jugendlager eben auch noch jungen Aktiven aus der eigenen Partei des Ministerpräsidenten. Norwegen ist ein so kleines Land, dass «jeder jeden» irgendwie kennt. Und so kannte der Parteivorsitzende etliche der Opfer bei dem Massaker und deren Familien persönlich.

Mit politischen Zuordnungen des Massakers und der Bombenattacke hielt sich die Osloer Regierung konsequent zurück. Erste Vermutungen in Medien über einen radikalislamistischen Hintergrund hatten sich relativ schnell als falsch erwiesen: Der am Ende festgenommene 32- jährige Norweger war äußerlich blond und innerlich nach Polizeiangaben ein Mann aus der rechtsradikalen Szene mit ausgeprägt «antiislamischer Einstellung».

Die rechtsextreme Szene ist in den letzten Jahren in Norwegen eigentlich geschrumpft. Aufmerksam notiert wurde von den Medien, dass der mutmaßliche Täter bis 2007 zehn Jahre lang aktives Mitglied bei der rechtspopulistischen Fortschrittspartei war. Was ihn dann möglicherweise zum Massenmörder werden ließ, blieb auch am Tag nach dem schrecklichen Verbrechen unklar.

Terrorismus / Norwegen
23.07.2011 · 21:55 Uhr
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