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Nadelöhr zur Loveparade wird tödliche Falle

Tausende Raver drängen sich vor dem Tunnel in Duisburg, in dem sich eine Massenpanik ereignet hat.Großansicht

Duisburg (dpa) - Sie wollten verzweifelt ihr Leben retten. Junge Menschen steigen eine abgesperrte Nottreppe hoch, klettern auf eine Leiter und einen Mast, um dem fürchterlichen Gedränge vor dem Eingang zur Duisburger Loveparade zu entkommen.

Einige Raver stürzen hilflos zurück in die Massen. Panik breitet sich in einen 150 Meter langen Zugangstunnel aus, in dem weitere Partygänger nachdrängen. In der grauenhaften Enge werden Menschen zerquetscht, erstickt und totgetrampelt. Noch Stunden später feiern Hunderttausende fröhlich weiter. Sie haben von der Tragödie nichts mitbekommen, weil der Veranstalter das Fest nicht abbricht, um eine weitere Katastrophe zu vermeiden.

Die Panik ist Augenzeugen zufolge schon vor ihrem Höhepunkt am Nachmittag absehbar. Erst klappen Menschen im Partyvolk im Tunnel und vor dem Aufgang zum Partygelände zusammen, bekommen keine Luft mehr, weil immer mehr Besucher nachdrängen und andere auch gehen wollen. Dann eskaliert die Situation. In dem Tunnel und auch am Ende vor dem Loveparade-Eingang zu einem alten Güterbahnhofsgelände werden die Einsatzkräfte nicht mehr Herr der Lage. Warum ging es nicht weiter? Die Massen, die durch den Eingang strömten, kamen wohl nicht schnell genug auf dem Partygelände weiter. Es habe sich ein Rückstau gebildet, meint die Polizei. Der Platz war aber noch nicht voll.

«Wir standen mittendrin. Es hatten immer mehr Menschen noch versucht, zum Gelände zu kommen», sagt der 21-jährige Raver Fabio der dpa. «Wir waren schon durch den Tunnel durch und standen auf dem kurzen Stück vor dem Eingang. Dort ging es aber nicht weiter.» Einige seien über Zäune und über eine Leiter geklettert oder über eine enge Treppe am Tunnelende.

«Wir sind danach durch den Tunnel zurück. Meine Freundin und ich haben schon kaum mehr Luft mehr bekommen und haben die Ellbogen ausgefahren, um noch wegzukommen», berichtet Fabio. «Anschließend haben wir die Polizei alarmiert und gesagt, dass es im Tunnel gleich zur Massenpanik kommen wird.» Passiert sei aber erst einmal nichts. «Das war etwa eine Dreiviertelstunde vor dem Unglück gewesen. Da waren aber schon Leute reihenweise zusammengeklappt.»

Erst nach und nach verbreitet sich die Schreckensnachricht auf dem Gelände. In die wummernde Musik mischt sich der Rotorenlärm der Rettungshubschrauber. Partygäste, die von der Tragödie gehört haben, sitzen vor der absperrenden Banderole auf dem Loveparade-Gelände, schütteln den Kopf, das Gesicht voller Tränen. «Ich kann das immer noch nicht fassen», sagt der 17-jährige Achmed Hasan aus Hamm. Er wollte gerade mit seinem gleichaltrigen Freund Hendrik Weigers aus Rheinberg in Richtung des stillgelegten Güterbahnhofs, wo die Party stattfand, als die Panik im Tunnel unter der Brücke aufkam.

«Als die Polizei das Gelände abriegeln wollte, wurden wir brutal nach vorne gedrückt, die Leute vorne bekamen keine Luft mehr», sagt der junge Mann. Dabei sei die Stimmung zunächst gar nicht aggressiv gewesen. «Die wollten doch alle nur Spaß. Dann haben alle geweint, ich habe geweint», sagt er, muss kurz schlucken. «Ich habe noch nie gesehen, wie ein Mensch gestorben ist», sagt der 17-Jährige.

Auf der riesigen Veranstaltungsfläche wollen viele Menschen am frühen Abend Kontakt zu ihren Familien aufnehmen und ihnen sagen, dass es ihnen gut geht. Die Folge: Das ohnehin schon schwache Handynetz bricht vollends zusammen. Irgendwann klingelt das Handy der 19-jährigen Anna Gregor aus Neukirchen. Es die Mutter, sie ist durchgekommen. «Ja, es geht mir gut», sagt die junge Frau. «Ich finde das total schlimm.»

Am Tag nach der Katastrophe liegen im Tunnel überall weiße Tücher und goldfarbene Aludecken der Sanitäter. Reste der Raverparty wie Plastik-Sonnenblumen, Federboas und Flaschen mischen sich im Dreck des Tunnels mit zahllosen Einmalhandschuhen und Spritzenverpackungen. An mehreren Stellen markieren Kreisumrisse die Stelle auf dem Boden, wo Menschen gestorben sind. Welche Kraft hier die drängelnden und panischen Menschen entwickelt haben, ist an den Absperrgittern zu sehen: Sie sind zerbeult, wie von einer Riesenhand zerquetscht. Als NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft einen Strauß mit weißen Rosen niederlegt, kämpft sie mit den Tränen.

Notfälle / Loveparade
25.07.2010 · 22:54 Uhr
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