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Nach dem Zugunglück: Belgien sucht Erklärungen

Verkeilte Wagen der kollidierten Regionalzüge.Großansicht
Brüssel/Buizingen (dpa) - Belgien verarbeitet den Schock und sucht nach Erklärungen: Einen Tag nach dem schweren Zugunglück bei Brüssel mit 18 Toten debattiert die Öffentlichkeit über die mangelnde Sicherheit im belgischen Bahnverkehr.

Aus Protest gegen die schlechten Arbeitsbedingungen bei der Staatsbahn SNCB legten Bahnmitarbeiter am Dienstag in mehreren belgischen Städten die Arbeit nieder, so dass im Regionalverkehr in der Region Wallonie viele Züge ausfielen. Internationale Hochgeschwindigkeitszüge von Köln nach Paris enden weiterhin in Brüssel. Frühestens gegen Ende der Woche soll sich der Verkehr auf der Strecke wieder normalisieren.

Während die Fahnder vor Ort letzte Spuren sicherten und die Aufräumarbeiten begannen, erhofft sich die Staatsanwaltschaft neue Erkenntnisse über den Unfallhergang von der Auswertung der inzwischen gefundenen Fahrtenschreiber beider Züge. «Beide Black Boxes sind in gutem Zustand», teilte der Brüsseler Staatsanwalt mit. Dann werde man wissen, welches Tempo die Züge hatten und wer von beiden das rote Signal überfahren habe. Die Auswertung könne aber Wochen dauern. Ein Zugführer hat das Unglück schwer verletzt überlebt - er soll nach Angaben der Bahn vernommen werden, sobald sich sein Zustand bessert.

Inzwischen bestätigten sich erste Vermutungen, dass ein Haltesignal missachtet wurde. «Fünf Gutachter sind vor Ort, um Details herauszufinden», sagte ein Sprecher der Brüsseler Staatsanwaltschaft auf Anfrage. Nach Angaben der Bahngewerkschaften CGSP und SLFP sind viele Lokführer und das Sicherheitspersonal überlastet.

Bei dem Unglück kamen mindestens 18 Menschen ums Leben. Zudem wurden nach Angaben des Staatsanwalts 80 Fahrgäste verletzt, davon 20 schwer. Wegen der unübersichtlichen Lage am Unfallort war zunächst von 160 Verletzten die Rede gewesen. Die Zahl der Toten könne noch steigen. Einige Familien hätten Angehörige als vermisst gemeldet und zwei Schwerverletzte schwebten nach wie vor in Lebensgefahr.

Der Unfall bei Buizingen gilt als das schwerste Unglück des Landes seit mehr als 30 Jahren. Dabei gibt es Parallelen zu einem Unglück im Jahr 2001. Auch damals übersah in Pecrot südöstlich von Brüssel der Lokführer eines Zuges ein Stoppsignal und raste auf dem falschen Gleis einem anderen Zug entgegen. Die traurige Bilanz lautete 9 Tote und 12 Verletzte. Seitdem hat die Staatsbahn SNCB zwar mehr automatische Bremssysteme installiert, doch erst 2013 werden alle Strecken und alle Züge in Belgien komplett ausgerüstet sein.

«So etwas schafft man nicht auf einen Schlag», sagte der verantwortliche Bahnvorstand Marc Descheemaecker. Am Unfallort gab es ein Sicherheitssystem, das Züge automatisch bremst, wenn sie ein Haltesignal missachten. Jedoch war nach Angaben der SNCB nur einer der beiden Züge mit dem entsprechenden System ausgestattet.

Noch am Nachmittag begannen Bergungstrupps mit den Aufräumarbeiten an der Unfallstelle. Mit schwerem Gerät sollten die ineinander verkeilten Waggons geborgen werden. Die sechsspurige Strecke bleibt noch mehrere Tage gesperrt. Schnellzüge wie der Thalys zwischen Brüssel und Paris sowie der Eurostar zwischen Brüssel und London werden auch am Mittwoch ausfallen. Die Bahngesellschaften Thalys und Eurostar riefen Fahrgäste dazu auf, ihre Reisen zu verschieben. Kunden könnten ihre Tickets kostenfrei umtauschen.

Zudem konnten am Dienstag wegen der Warnstreiks im morgendlichen Berufsverkehr viele Züge im Süden Belgiens (Region Wallonie) nicht fahren. Die Beschäftigten blockierten Bahndepots in den Städten Mons, Braine-le-Comte, Lüttich, Ath, Saint-Ghislain, La Louvière, Namur, Charleroi, Ottignies, Tournai und Löwen. Die Stadt Halle, in deren Nähe sich das Unglück ereignete, hat im Rathaus ein Kondolenzbuch ausgelegt und plant eine Trauerfeier für die Opfer des Zugunglücks.

Bahn / Unfälle / Belgien
16.02.2010 · 16:25 Uhr
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