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Mutmaßlicher serbischer Kriegsverbrecher gefasst

Goran HadzicGroßansicht

Belgrad (dpa) - Der letzte vom UN-Tribunal gesuchte serbische Kriegsverbrecher ist gefasst: Der 52-jährige Goran Hadzic ging den Ermittlern nördlich von Belgrad ins Netz. Hadzic werden als Führer der serbischen Minderheit in Kroatien «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» zur Last gelegt.

Erst vor wenigen Wochen war der berüchtigte Serben-General Ratko Mladic verhaftet und ans UN-Kriegsverbrechertribunal nach Den Haag ausgeliefert worden. Serbien habe einen «Beitrag zur internationalen Gerechtigkeit geleistet», lobte Außenminister Guido Westerwelle am Mittwoch in Berlin.

Kroatiens Regierungschefin Jadranka Kosor sprach von einer «guten Nachricht für die ganze Menschheit und die Welt, vor allem aber für Kroatien». Hadzic wird unter anderem für ein Massaker im ostkroatischen Vukovar während des Bürgerkriegs in Kroatien (1991-1995) verantwortlich gemacht. Dabei wurden 264 Kroaten ermordet.

Die EU-Kommission und auch die Nato begrüßten seine Verhaftung. «Nach der Übergabe von Ratko Mladic an Den Haag kann mit dieser Festnahme nun das schmerzhafteste Kapitel der jüngsten europäischen Geschichte geschlossen werden», sagte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in Brüssel. Mladic, der Militärführer der bosnischen Serben, war Ende Mai verhaftet worden. Der «Schlächter vom Balkan» wartet auf den Beginn seines Prozesses im UN-Tribunal in Den Haag.

Die Festnahme Hadzic' sei «ein bedeutender Meilenstein in der Geschichte des Tribunals», sagte Chefankläger Serge Brammertz in Den Haag. «18 Jahre nach seiner Schaffung können wir sagen, dass keine der angeklagten Personen einem juristischen Verfahren vor dem Gerichtshof entgangen ist.»

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy sprachen in einer gemeinsamen Erklärung von einem weiteren wichtigen Schritt Serbiens «hin zur Verwirklichung seiner europäischen Perspektive». Der polnische Regierungschef und EU-Ratspräsident Donald Tusk meinte, die Chancen der Balkanländer auf eine EU-Mitgliedschaft seien jetzt gestärkt worden.

Die Verhaftung von Hadzic war eine Bedingung der EU für eine weitere Annäherung Serbiens an Brüssel. Jetzt hofft Belgrad, bis zum Jahresende zum offiziellen EU-Beitrittskandidaten ernannt zu werden.

«Heute Morgen um 8.24 Uhr ist er verhaftet worden», sagte Serbiens Staatspräsident Boris Tadic vor Journalisten in Belgrad. Mit der Auslieferung von mehr als 30 mutmaßlichen Kriegsverbrechern habe Serbien «seine internationale Verpflichtung erfüllt». Das sei «moralische Pflicht» des Balkanstaates gewesen.

Tadic bestritt, dass Druck der EU die Verhaftung auch des letzten mutmaßlichen Kriegsverbrechers bewirkt habe. «Alles Drängen der EU war bedeutungslos» und «kein Druck hat etwas bewirkt, wir funktionieren nicht auf Druck», erklärte Tadic. «Wir haben das wegen der Bürger Serbiens getan». Hadzic hatte schon 2004 verhaftet werden sollen. Er war jedoch gewarnt worden und hatte fliehen können.

Vorwürfe aus dem Ausland, Serbien habe ihn versteckt, seien «absolut unwahr», sagte Staatschef Tadic. «Serbien wusste nicht, wo er ist.» Nach Darstellung serbischer Medien wurde Hadzic im Dorf Krusedol verhaftet, das rund 60 Kilometer nordwestlich von Belgrad liegt. Der Verhaftete war einer der führenden serbischen Politiker während des Krieges in Kroatien und zuletzt «Präsident» der sogenannten «Republik Krajina».

Seine Festnahme stärke die Rechtsstaatlichkeit und die Aussöhnung auf dem westlichen Balkan, erklärte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) in Wien.

Serbiens Staatschef Tadic verglich die Suche nach Hadzic mit der Jagd auf den islamischen Terroristenführer Osama bin Laden. Er versprach, die Helfershelfer von Hadzic ausfindig zu machen und zu bestrafen. Die Öffentlichkeit werde informiert, wer Hadzic 2004 zur Flucht aus seinem Haus in Novi Sad verholfen hatte. Damals hatten Mitarbeiter des UN-Tribunal die überhastete Flucht von Hadzic per Video aufgenommen. Sie hatten aber aus rechtlichen Gründen nicht eingreifen können.

Noch im Gefängnis in Belgrad wurde Hadzic am Mittwoch die Anklage des UN-Tribunals ausgehändigt. Damit seien die Bedingungen für seine Auslieferung nach Den Haag erfüllt, entschied ein Sondergericht in Belgrad. Jetzt müsse drei Tage gewartet werden, ob sein Verteidiger Widerspruch einlege, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Hadzic-Anwalt Toma Fila deutete an, darauf verzichten zu wollen. Nach spätestens sechs Tagen muss das Gericht dann endgültig über die Auslieferung entscheiden.

Nach Medienberichten hatte Hadzic als «Präsident» in der «Krajina» viel Geld mit illegalen Ölgeschäften verdient. In Ostkroatien, das zur «Krajina» gehörte, liegen kleinere Erdölfelder. Am Ende des Bürgerkriegs war das Gebiet von der kroatischen Armee zurückerobert worden. Dabei wurden mehr als 200 000 Serben vertrieben.

Kriegsverbrechen / Serbien
20.07.2011 · 17:33 Uhr
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