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Murdoch vor Parlamentariern: «Tag der Demut»

Angriff auf MurdochGroßansicht

London (dpa) - Medienmogul Rupert Murdoch und sein Sohn James haben sich bei einem historischen Auftritt vor britischen Parlamentariern für Vergehen im Abhör- und Korruptionsskandal entschuldigt. Persönliche Verantwortung übernahmen sie bei der Anhörung am Dienstag in London aber nicht.

Die fraglichen Entscheidungen seien nicht vom Top-Management getroffen worden. Einen kurzen Schreckmoment gab es, als ein Angreifer während der Befragung in Richtung Rupert Murdoch stürzte und diesen mit einer weißen Substanz - vermutlich Rasierschaum - bewarf. Niemand wurde verletzt, nach einer kurzen Unterbrechung ging es weiter.

«Vielleicht habe ich die Übersicht verloren», sagte der 80 Jahre alte Vorstandschef des Medienkonzerns News Corp. Mit Blick auf seine inzwischen eingestellte Skandalzeitung «News of the World». «Vielleicht, weil sie im Rahmen unseres Konzerns so klein war.» Auf die Frage, wer letztendlich schuld sei, sagte Murdoch: «Die Leute, denen ich vertraut habe, und dann vielleicht die Leute, denen diese vertraut haben.»

Das Erscheinen des Medienzars wurde als Sensation gewertet. Nach Angaben des Senders BBC war es das erste Mal in den rund 40 Jahren, seit Murdoch Anteile an britischen Medien besitzt, dass er sich vor Parlamentariern verantworten musste. Der Australier mit US-Pass galt in Großbritannien bisher als nahezu unantastbar.

Zu Beginn der Befragung entschuldigten sich Vater und Sohn. «Das ist der Tag der größten Demut in meinem Leben», sagte Rupert Murdoch. Als er erfahren habe, dass das Handy eines jungen Mordopfers durch «News of the World»-Journalisten abgehört wurde, sei das die schlimmste Erfahrung seiner Karriere gewesen. «Wir haben das Vertrauen unserer Leser gebrochen», sagte Murdoch.

Er stehe seit 57 Jahren an der Spitze seines Konzerns und habe zahllose Journalisten beschäftigt und Geschichten verfolgt, hieß es in einer Stellungnahme, die Murdoch zum Ende der Sitzung verlas. Er sei aber noch nie so wütend und beschämt gewesen. Er verstehe, dass es seine Verantwortung sei, auch in Zukunft bei den Ermittlungen im Abhörskandal zu helfen.

Man habe auf die Affäre so «schnell und transparent» wie möglich reagiert, sagte Murdoch. Doch der Anteil der «News of the World» am Gesamtkonzern weniger als ein Prozent betragen. Die meisten Fälle hätten daher gar nicht die Schwelle erreicht, ab der die Murdochs selbst involviert gewesen wären, ergänzte sein Sohn James.

Nach den Murdochs trat auch deren langjährige Vertraute Rebekah Brooks vor den Ausschuss. Sie war am vergangenen Freitag als Vorstandschefin der Zeitungsholding News International zurückgetreten. Brooks betonte erneut, nichts von den illegalen Praktiken bei «News of the World» gewusst zu haben. Sie gab allerdings zu, dass die Vorfälle nach ihrem Bekanntwerden vor mehreren Jahren schneller hätten aufgearbeitet werden müssen.

Es sei wichtig, dass die Presse sich selber neue Standards auferlege, so Brooks weiter. So sei es etwa Ende der 1990er Jahre üblich gewesen, in großem Umfang Privatdetektive zu beschäftigen. Das sei heute nicht mehr der Fall, sagte sie vor den Parlamentariern. Die Macht des Ausschusses ist begrenzt. Er kann nur Empfehlungen weitergeben. Eine Aussage unter Eid ist nicht möglich.

Derweil gab es neue dramatische Entwicklungen in dem Skandal. Am Montag war überraschend der Hauptbelastungszeuge gegen Andy Coulson, den früheren Chefredakteur der «News of the World» und späteren Berater von Premierminister David Cameron, gestorben. Der Journalist Sean Hoare wurde tot in seiner Wohnung gefunden. Zeichen für ein Verbrechen gebe es nicht, teilte die Polizei mit. Eine Obduktion habe keine Hinweise auf die Beteiligung eines anderen Menschen gegeben, hieß es am Abend.

Hoare hatte im vergangenen Jahr in einem Interview der «New York Times» erklärt, Coulson habe vom Anzapfen der Telefone nicht nur gewusst, sondern ihn persönlich sogar angestiftet, «die schwarzen Künste» zu nutzen. Der 2005 bei der «News of the World» gefeuerte Journalist galt als alkoholabhängig.

Kurzzeitig wurde die Webseite der britischen Boulevardzeitung «The Sun» gehackt. Besucher wurden zu einer gefälschten Meldung über einen angeblichen Selbstmord Murdochs weitergeleitet. Im Kurzmitteilungsdienst Twitter bekannte sich die Hackergruppe LulzSec zu der Aktion. Diese Organisation hatte zwar am 25. Juni schon ihre eigene Auflösung verkündet, erklärte nun aber, sie habe dem Treiben Murdochs nicht weiter tatenlos zusehen können.

Den Marathon der Anhörungen in den Parlamentsausschüssen hatte am Dienstag der zurückgetretene Chef von Scotland Yard, Sir Paul Stephenson, begonnen. Er sei nicht zurückgetreten, weil er gezwungen worden sei oder neue Enthüllungen um zu enge Verstrickungen oder Bestechungsgelder befürchtete, die «News of the World» an Polizisten gezahlt haben soll. Er habe lediglich Schaden von seiner Behörde abwenden wollen, sagt er. Diese müsse sich auf die Sicherung der Olympischen Spiele 2012 in London vorbereiten.

Unterdessen wuchs der Druck auf Premierminister Cameron. Inzwischen sieht er sich mit offenen Rücktrittsforderungen konfrontiert. Der Labour-Abgeordnete Gerald Kaufman fragte: «Sollte der Premierminister nicht seine Position überdenken?» Oppositionsführer Ed Miliband attestierte Cameron eine «katastrophalen Einschätzungsfehler», als er Coulson zu seinem Regierungssprecher machte.

Auch aus seiner eigenen konservativen Partei wurde Kritik an Cameron laut, weil er trotz der Affäre seine geplante Reise nach Südafrika antrat. Der Regierungschef musste den Besuch verkürzen und machte sich bereits am Dienstag auf den Rückweg nach London. An diesem Mittwoch wollte er im Parlament sprechen.

Zusätzlich unter Druck geriet Cameron am Dienstag, als herauskam, dass die im Abhörskandal vorübergehend festgenommene Murdoch-Managerin Brooks Gast bei seinem 44. Geburtstag im vergangenen Oktober war. Es war die 27. Begegnung Camerons mit Murdoch-Managern in nur 15 Monaten Amtszeit. Die Geburtstagseinladung war von der Downing Street zunächst verschwiegen worden.

Brooks war von 2000 bis 2003 Chefredakteurin des inzwischen eingestellten Blatts «News of the World». Dessen Reporter hatten die Telefone von 4000 Prominenten, Verbrechensopfern, Hinterbliebenen und Soldatenwitwen illegal abgehört. Coulson soll Geldanweisungen abgezeichnet haben, mit denen Polizisten bestochen wurden. Camerons früherer Spin-Doktor war am 8. Juli vorübergehend festgenommen worden - unter anderem wegen Korruptionsverdachts.

Medien / Kriminalität / Großbritannien
19.07.2011 · 21:26 Uhr
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