News
 

Mordfall Lena - Unschuldig im Knast

Es war ein Aufruf zum Lynchmord, sagt die Polizei. Via Facebook wurde die Emder Bevölkerung animiert, sich vor dem Kommissariat zu versammeln, wo gerade ein 17-jähriger Berufsschüler im Polizeiverhör saß. Er sollte die kleine Lena aus Emden ermordet und in einem Parkhaus abgelegt haben. Die wütende Menge löste sich erst gegen 4 Uhr morgens auf. Auch vor dem Wohnhaus des Verdächtigen versammelten sich Schaulustige, Kamerateams filmten das Haus rund um die Uhr. Reporter wühlten im Privatleben des Verdächtigen, Fotos tauchten auf, Bekannte wurden ausgefragt.

Die Medien, die wütenden Menschen, alle waren sich ihrer Sache sicher, denn die Ermittler hatten den 17-jährigen Berufsschüler drei Tage nach dem Mord an Lena öffentlich in Handschellen abgeführt. In der Vernehmung verstrickte er sich in Widersprüche, er habe kein Alibi, berichteten die Ermittler. Deshalb wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Doch drei Tage später kommt der 17-Jährige frei. Weil er unschuldig sei, betonen die Ermittler nun. Er erhalte psychologische Hilfe. Denn das, was ihm und seiner Familie wiederfahren ist, ist Rufmord. Tagelang galt der Jugendliche als quasi-verurteilter Kindermörder und seine Familie als Brutkasten für kranke Kriminelle.

Wieviel ist die Freiheit wert? Ein Euro pro Stunde?

Inzwischen hat ein 18-Jähriger gestanden, Lena getötet zu haben. Doch wie kann der unschuldig Verdächtige rehabilitiert werden? Der Staat hat dafür das Strafentschädigungsgesetz geschaffen. Pauschal wird ein Knast-Tag mit 25 Euro ausgeglichen. Das ist gut ein Euro pro Stunde für die Zeit hinter Gitter. «Soll das der Wert der Freiheit sein?», fragt deshalb Swen Walentowski vom Deutschen Anwaltsverein. Der setzt sich seit Jahren für eine höhere Entschädigung für Justizopfer ein. Angemessen seien 100 Euro pro Tag - wie etwa in Österreich. Zudem kann der Verdienstausfall in Rechnung gestellt werden, doch ein Berufsschüler dürfte davon wenig haben.

Für den vermeintlichen Kindermörder, der obendrein seinen 18. Geburtstag in diesen wirren Tagen feiern musste, bedeutet die deutsche Regelung: drei Tage U-Haft, drei Mal 25 Euro Entschädigung. Macht 75 Euro für einen zerstörten Ruf, eine traumatisierte Familie, einen des Kindermordes vorverurteilten Unschuldigen. «Man muss sich dabei vor Augen halten, wie der Betroffene durch die Ermittlungsbehörden in der Öffentlichkeit zum Täter gemacht wurde», sagt Anwaltvereinssprecher Walentowski.

Spektakuläre Fälle von Justizirrtum in Deutschland

Im Durchschnitt werden pro Jahr in Deutschland 70.000 Tage zu Unrecht verbüßter Haft entschädigt. Und immer wieder schockieren Einzelfälle die Öffentlichkeit. So saß etwa Monika de Montgazon genau 888 Tage unschuldig hinter Gitter. Die Berliner Arzthelferin wurde im Jahr 2005 wegen Mordes an ihrem Vater verurteilt. Doch hauptursächlich für den Justizirrtum war ein fehlerhaftes Brandgutachten des LKA Berlin. Die Frau erhielt für zweieinhalb Jahre Knast-Unrecht 3600 Euro Entschädigung.

Mehrere Fälle von angeblichen Vergewaltigungen endeten mit Verurteilungen, die später aufgehoben wurden. So wurden Mitte der 1990er Jahre ein Vater zu sieben Jahren und ein Onkel zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, weil sie ihre Tochter beziehungsweise Nichte Amelie vergewaltigt haben sollten. Nachdem sie ihre Haft abgesessen hatten, erwirkte eine Gerichtsreporterin die Wiederaufnahme des Verfahrens. Weil Beweise fehlten - etwa war das Jungfernhäutchen von Amelie noch intakt - und nur ein 18-jähriges Mädchen die beiden Männer beschuldigte, das sich später als psychisch krank herausstellte, endete das Revisionsverfahren mit Freisprüchen.

Ebenfalls wegen Vergewaltigung wurden Horst Arnold und Ralf Witte zu jeweils fünf Jahren Haft verurteilt. Lehrer Arnold sollte eine Kollegin, Witte ein 15-jähriges Mädchen sexuell missbraucht haben. Nachdem beide Männer ihre Strafe abgesessen hatten, wurden sie im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen.

[news.de] · 02.04.2012 · 11:30 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
Es liegen momentan keine neuen Nachrichten vor.
 

 

News-Archiv

 
Diese Woche
07.12.2016(Heute)
06.12.2016(Gestern)
05.12.2016(Mo)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen