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«Mord und Totschlag»: Weiter Chaos in Kirgistan

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Osch/Moskau/Wien (dpa) - Wegen der andauernden Gewaltexzesse im Süden von Kirgistan wird die Lage in Zentralasien immer bedrohlicher. Betroffen ist jetzt auch das benachbarte Usbekistan.

Die kirgisische Übergangspräsidenten Rosa Otunbajewa sprach am Dienstag von etwa 40 000 Flüchtlingen, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) schätzt die Zahl sogar auf 275 000. Die Angehörigen der usbekischen Minderheit sind auf der Flucht vor den ethnischen Konflikten in den südkirgisischen Städten Osch und Dschalal-Abad. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) rief alle Konfliktparteien zur sofortigen Beendigung der Gewalt auf. Am Abend beruhigte sich die Lage nach Angaben der Behörden vorerst.

Weil der Flüchtlingsstrom nicht abreißt, schloss Usbekistan seine Grenze. «Wir haben einfach keine Kapazitäten mehr», sagte Vize- Regierungschef Abdulla Aripow nach Angaben des zentralasiatischen Nachrichtendienstes CA-News. Neben Kirgistan fordert nun auch Usbekistan Hilfe, um der Krise Herr zu werden. In der usbekischen Stadt Termes unterhält die Bundeswehr einen Stützpunkt für ihren Einsatz in Afghanistan. Der Weltsicherheitsrat verurteilte die Gewalt und forderte Nahrungsmittel und Hilfsgüter für das Krisengebiet.

Nach offiziellen Angaben stieg die Zahl der Toten auf mindestens 176. Allerdings gehen Augenzeugen von deutlich mehr Opfern aus, weil die Usbeken ihre Leichen aus Angst nicht in kirgisische Einrichtungen bringen. Otunbajewa gab erstmals zu, dass die Zahl vermutlich um ein Vielfaches höher liege. Medien nannten die Zahl von 2000 Toten in Osch und Dschalal-Abad. Viele Leichen wurden ohne Identifizierung in Massengräbern verscharrt. Beweise dafür gab es aber zunächst nicht. An diesem Mittwoch will das Land der Toten gedenken.

Dutzende Häuser und Geschäfte brannten nieder. Plünderer machten die Straßen unsicher. Die Übergangsregierung versprach denjenigen Straffreiheit, die binnen drei Tagen die Waffen abgeben.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verurteilte die Gewalt als «versuchte ethnische Säuberung». Der Hohe Kommissar für nationale Minderheiten der OSZE, Knut Vollebaek, sprach in Wien von einer «dramatischen Entwicklung». Usbeken würden von kirgisischen Gruppen systematisch angegriffen, wobei es zu Morden und Plünderungen komme. Otunbajewa habe «trotz guter Absichten» nicht die Macht, in ihrem Land Recht und Ordnung durchzusetzen, hieß es in einer Mitteilung der OSZE.

Die kirgisische Interimsregierung appellierte erneut an ein von Russland geführtes Militärbündnis ehemaliger Sowjetrepubliken, mit Friedenssoldaten in den Konflikt einzugreifen. Man gehe davon aus, dass die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) dem Land helfen werde, betonte der Sekretär des Sicherheitsrats, Alik Orosow. «Die Lage ist explodiert und nicht mehr zu steuern, es herrschen Mord und Totschlag», sagte Orosow der Moskauer Zeitung «Iswestija». Otunbajewa sagte, Russland stelle Kirgistan möglicherweise gepanzerte Fahrzeuge zur Verfügung. Man hoffe aber, die Lage ohne militärische Hilfe aus dem Ausland unter Kontrolle zu bringen.

Zur Unterstützung der Flüchtlinge flog UNICEF Medikamente und Zelte in das Krisengebiet. «Zahlreiche Patienten mit Schusswunden müssen behandelt werden. Die hygienischen Verhältnisse sind schlecht», teilte das UN-Kinderhilfswerk mit. Russland lieferte mit drei Sondermaschinen 130 Tonnen Lebensmittel und Decken. Die Bundesregierung stellte 500 000 Euro und die Welthungerhilfe 100 000 Euro zur Verfügung. Die deutsche Botschaft in Bischkek, die in dem zentralasiatischen Land die Interessen aller EU-Mitglieder vertritt, ließ mit zwei Charter-Maschinen 89 Ausländer aus Osch ausfliegen.

Die Interimsregierung in Bischkek will trotz der Unruhen an einer für den 27. Juni geplanten Volksabstimmung festzuhalten. Mit dem Referendum über eine neue Verfassung nach deutschem Vorbild sollen demokratische Strukturen im Land gefestigt werden.

Kirgistan / Konflikte / UN
15.06.2010 · 20:16 Uhr
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