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Möglicher Ehrenmord - Warum tötet ein Vater seine 13-jährige Tochter?

Sie kommen nach einem gescheiterten Versöhnungsgespräch aus dem Jugendamt. Es ist Montagnachmittag, mitten im niedersächsischen Stolzenau. Der Vater richtet eine Waffe gegen seine eigene 13-jährige Tochter und drückt mehrmals ab. Mehrere Zeugen beobachten die Schüsse.

Hintergrund ist offenbar ein Familienstreit. Die 13-Jährige soll bereits vor einiger Zeit mit Unterstützung des Jugendamtes wegen Auseinandersetzungen in der Familie bei ihren Eltern ausgezogen sein, berichtet die dpa. Sie lebe unter der Obhut des Jugendamtes in einem Heim. Im Gespräch beim Jugendamt habe die Tochter ihrem Vater klar gemacht, dass sie nicht in die Familie zurückkehren wolle.

«Für mich klingt der Fall nach Ehrenmord», sagt Rechtanwätlin Gülşen Çelebi, die vor Gericht muslimische Frauen vertritt, die gegen ihre Zwangsverheiratung kämpfen oder Angst vor einem Ehrenmord haben. Die Familie in Stolzenau ist jesidischen Glaubens - eine besonders konservative kleine Religion innerhalb der Kurden. «Die Jesiden», sagt Anwältin Çelebi, «leben ihre Religion sehr streng aus. Sie wird für die Anhänger nur dann weitergetragen, wenn Jesiden untereinander heiraten, ähnlich wie bei Juden», so die Rechtsanwältin.

Jedes Jahr gibt es im Schnitt elf Ehrenmorde

Die Tochter wohnte mit Hilfe des Jugendamtes bereits außerhalb der Familie - in einem Wohnheim. Rechtsanwältin Çelebi kennt die Angst der Kinder gut. Sie vertritt Mädchen und Jungen auf der Flucht. «Sie wollen ein selbstbestimmtes, freies Leben, vielleicht auch einfach nur ohne Gewalt.»

Doch die Rechtsanwältin kennt auch den Druck der Väter. «Sie wollen, dass die Gemeinschaft nichts davon mitbekommt, wie die Tochter lebt. Die Folge kann sein, dass die Väter sich so unter Druck gesetzt fühlen, das sie keine andere Wahl sehen, als ihre Tochter oder Söhne, die sie ja lieben, umzubringen.» Gerade in konservativen Familien, wie den jesidischen Kurden aus Stolzenau.

Oft würden es die Väter zunächst bereuen. «Aber ich glaube, sie würden es noch einmal machen, weil es um die Ehre geht.» Sie rät Kindern, die Todesangst vor der eigenen Familie haben, weil sie selbstbestimmt leben wollen: «Sie sollten sofort die Flucht ergreifen. Vor allem, wenn es ein ‹Fehlverhalten› ist, das die Eltern nicht verzeihen würden.»

Trägt das Jugendamt in Stolzenau eine Mitschuld am Tod der 13-Jährigen? Kaum, schließlich haben die Mitarbeiter dafür gesorgt, dass die Tochter in einem Wohnheim unterkommen kann. «Gerade bei konservativen Familien wäre es vom Jugendamt auch fahrlässig, die Kinder in die Familien zurückzuschicken», sagt Rechtsanwältin Çelebi. Den Eltern könnten im äußersten Fall Sorgerecht oder Aufenthaltserlaubnis entzogen werden, wenn die Kinder Angst vor dem Mord haben - weil sie selbstbestimmt leben wollen, weil Töchter sich nicht zwangsverheiraten lassen wollen, weil sich Jungs als Homosexuelle outen wollen. 109 Ehrenmorde gab es laut BKA und Max-Planck-Institut zwischen den Jahren 1996 und 2005 - fast elf pro Jahr. 62 Opfer waren weiblich, 47 männlich.

Rechtsanwältin Çelebi hofft, dass Ehrenmorde künftig weniger werden. «Die Zahl wird zurückgehen, weil wir offener werden und darüber reden - auch in den Ursprungsländern der Migranten. Je reicher und gebildeteter die Menschen sind, desto seltener kommt es vor», so ihre Hoffnung.

[news.de] · 06.12.2011 · 11:32 Uhr
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