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Missbrauchsskandal weitet sich aus

Das Symbolbild zeigt den Paragrafen 176 aus dem Strafgesetzbuch zum sexuellen Missbrauch von Kindern.Großansicht
Hamburg (dpa) - Erst erschütterte der Missbrauchsskandal die katholische Kirche - jetzt werden auch zunehmend Verdachtsfälle in evangelischen Einrichtungen bekannt. Am Montag teilte die Evangelische Kirche im Rheinland mit, dass sie in drei Fällen ermittele.

Bei der Frühjahrstagung der bayerischen Landessynode in Weiden räumte der Landesbischof Johannes Friedrich Versäumnisse bei der Ahndung eines früheren Missbrauchs in der evangelischen Kirche ein. Im Bistum Regensburg gibt es nach Angaben eines Sprechers Vorwürfe gegen vier Geistliche und zwei Nonnen.

Die Bundesregierung will eine unabhängige Beauftragte einsetzen, um die Missbrauchsfälle in katholischen und anderen Einrichtungen aufzuarbeiten. Darauf einigte sich die schwarz-gelbe Koalition in Berlin nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa vom Montag. Die Beauftragte soll auch Empfehlungen für materielle und nichtmaterielle Hilfen für Opfer erarbeiten. Wer diese Aufgabe konkret übernimmt, ist noch offen. Die Beauftragte soll unabhängig von dem Runden Tisch der Bundesregierung arbeiten, der erstmals am 23. April zusammenkommt. Das Bundeskabinett will das Gesamtkonzept zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen am Mittwoch beschließen.

In Deutschland wurden weitere Fälle bekannt: In Wilnsdorf (Nordrhein-Westfalen) zeigte sich ein katholischer Geistlicher wegen einer intimen Beziehung zu einer 17 Jahre alten Messdienerin an. In Paderborn suspendierte Erzbischof Hans-Josef Becker einen homosexuellen Pfarrer, der eine Internetseite für Homosexuelle betreibt. Und ehemalige Schüler des renommierten Windbacher Knabenchores in Bayern werfen ihren Erziehern Misshandlungen vor. Die Vorfälle an der Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirche sollen zwischen der Gründung 1946 und den 70er Jahren stattgefunden haben. Von sexuellen Misshandlungen sei bislang nichts bekannt.

Die Evangelische Kirche im Rheinland teilte mit, dass die möglichen Verfahren Pfarrer und Kirchenbeamte beträfen. Seit Einführung eines verbindlichen Verfahrens zum Umgang mit möglicher sexueller Gewalt im Jahr 2003 seien zunächst 18 Fälle angezeigt und verfolgt worden, die bisher in 13 Fällen zu juristischen und disziplinarischen Schritten geführt hätten. In 20 weiteren Fällen hätten die Betroffenen ausdrücklich keine Bestrafungen gewollt.

Durch die aktuelle Medienberichterstattung hätten sich in den vergangenen Tagen nochmals fünf Männer und Frauen aus Nordrhein- Westfalen und drei aus Rheinland-Pfalz gemeldet, deren Erlebnisse aber teils bis zu 50 Jahre zurückliegen, erklärte die Vizepräses der rheinischen Kirche, Petra Bosse-Huber. «Wir sind beschämt und entsetzt. Wir bitten die Opfer um Verzeihung», sagte die Theologin. Es sei bei der Aufklärung «völlig unerheblich», dass viele der Vorfälle bereits vor Jahrzehnten geschehen sei.

In den Berichten Betroffener gebe es Hinweise darauf, dass die Kirche «nicht zu allen Zeiten» angemessen auf Verdachtsmomente reagiert habe, sagte Bosse-Huber. Jedem Verdacht der Vertuschung soll aber ebenso nachgegangen werden wie den Vorwürfen von Missbrauch und Misshandlung selbst. Die rheinische Kirche, die mit fast drei Millionen Protestanten die zweitgrößte deutsche Landeskirche ist, hat 2003 als erste deutsche Landeskirche nach niederländischem Vorbild ein Verfahren zum Umgang mit entsprechenden Straftaten eingeführt.

In Bayern überschatteten indes die Missbrauchsfälle die Frühjahrssynode der Landeskirche. Zum Auftakt der Kirchenparlamentssitzung am Montag teilten Vertreter mit, dass in den vergangenen Wochen zwei Opfer in Medien ihre Fälle bekanntgemacht hätten. Die Kirchenleitung habe inzwischen den Kontakt mit den betroffenen Frauen gesucht, um die Fälle umfassend aufzuklären.

Es handele sich um zwei junge Frauen, die im Konfirmandenalter von evangelischen Pfarrern sexuell missbraucht worden seien - ein Mädchen in den 1960er Jahren, eine zweite Jugendliche Mitte der 1980er Jahre, berichtete die Leiterin der Landeskirchenleitung, Karla Sichelschmidt. Im Schnitt würden der Kirchenleitung pro Jahr etwa ein Missbrauchsfall gemeldet - in den letzten elf Jahren seien 15 Fälle aktenkundig. Die Fälle seien allerdings unterschiedlich schwer gelagert - sie reichten von «Grenzüberschreiten» wie Berührungen und anzüglichen Bemerkungen bis zum Geschlechtsverkehr.

Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich bedauerte die unzureichende Ahndung des geständigen Pfarrers: «Wir haben damals die strengen Maßstäbe unserer Kirche nicht vollständig angewendet.» Nun sei ein neues Disziplinarverfahren eingeleitet worden.

Das Bistum Regensburg berichtete indes von Vorwürfen gegen sechs Geistliche und Ordensschwestern. Darunter sei ein Priester, der sich vor rund 40 Jahren als studentische Hilfskraft im Internat der Regensburger Domspatzen an zwei Jungen vergangen haben soll, berichtete Bistumssprecher Clemens Neck. Die Kirche hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass der zuletzt im Landkreis Ansbach tätige Pfarrer wegen der Vorwürfe vom Bistum Eichstätt suspendiert wurde. Die Fälle würden auch von der Staatsanwaltschaft untersucht, sagte Neck. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf sexuellen Missbrauch in anderen Einrichtungen von Bayerns flächenmäßig größtem Bistum.

Einige Vorwürfe richten sich gegen verstorbene Priester. Etliche Betroffene haben sich den Angaben zufolge bei den Beauftragten des Bistums gemeldet. Bei den noch lebenden Verdächtigen geht es um Vorfälle bis 1984. Sie leben heute in verschiedenen Diözesen.

Kriminalität / Kirchen
22.03.2010 · 17:45 Uhr
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