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Missbrauch: Mehr Fälle - Politik schlägt Alarm

Odenwaldschule in Ober-HambachGroßansicht
Hamburg (dpa) - Am hessischen Elite-Internat Odenwaldschule und in katholischen Einrichtungen und Institutionen dringen immer mehr Missbrauchsfälle ans Licht. Staatsanwälte nehmen Ermittlungen gegen das Schweigen und Vertuschen wieder auf.

Politiker - vor allem der christlichen Parteien - fordern schärfere Gesetze, um künftig auch in jahrzehnte-alten Missbrauchsfällen die Täter bestrafen zu können. Pädagogen und die FDP warnen vor Aktionismus.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will ab 23. April einen Runden Tisch einrichten: Wie kann Opfern geholfen, wie können neue Fälle vermieden werden?

Die Deutsche Bischofskonferenz will teilnehmen. Papst Benedikt XVI. wird sich am Freitag die Hintergründe von deren Vorsitzenden Robert Zollitsch berichten lassen. Bis dahin hält sich der Vatikan wahrscheinlich bedeckt.

Nachdem Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen für weltweites Aufsehen sorgen, erreicht der Skandal nach Informationen der «Nassauischen Neuen Presse» (Dienstag) jetzt auch die Limburger Domsingknaben. Ein ehemaliges Chormitglied habe Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst angeschrieben und ihm von Übergriffen des damaligen Dirigenten zwischen 1967 und 1973 berichtet. Der beschuldigte Domkapellmeister und Priester ist 2002 gestorben.

Die reformpädagogische Odenwaldschule entschuldigte sich öffentlich für die Vergehen der 70er und 80er in ihrem Haus. «Das Leid können wir nicht mehr gut machen», sagte die Direktorin des Internats in Heppenheim, Margarita Kaufmann. Sie rief betroffene Schüler der Jahre 1970 bis 1985 auf, sich zu melden. Die Direktorin hat drei Lehrer als mutmaßliche Tätern in Verdacht.

Insgesamt seien bislang 24 Missbrauchsfälle bekannt, unter den Opfern sei eine Frau, wie Kaufmann sagte. «Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte.»

Vorwürfe gegen den früheren Schulleiter des Internats gab es schon 1998. Ein Jahr später wurde Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren wegen Verjährung ein. Am Montag kündigte die Behörde an, erneut gegen Lehrer ermitteln zu wollen. Es sei nicht auszuschließen, dass es auch nicht-verjährte Übergriffe gebe.

CDU und CSU sind offen für eine Verlängerung der Verjährungsfristen. Viele Opfer seien erst nach vielen Jahren in der Lage, sich mit ihrem Leid auseinanderzusetzen, sagte CDU- Generalsekretär Hermann Gröhe. CSU-Chef Horst Seehofer und seine Justizministerin Beate Merk sprachen sich für eine längere Verjährungsfrist aus. Sie sollte mindestens 30 Jahre betragen.

Bislang liegt die Frist bei 10 Jahren, in besonders schweren Fällen bei 20 Jahren - gerechnet vom 18. Geburtstag des Opfers an.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) ist weiter skeptisch: «Ich glaube nicht, dass es das Allheilmittel ist.»

Der «Süddeutschen Zeitung» (Dienstag) sagte die Ministerin - ähnlich wie SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles - die katholische Kirche und weltliche Einrichtungen sollten Wiedergutmachung leisten.

Merk forderte in einem Gespräch mit der Tageszeitung «Die Welt» (Dienstag) höhere Strafen: «Die Mindeststrafe muss von zurzeit sechs Monaten auf ein Jahr angehoben werden.»

Der Deutsche Kinderschutzbund reagierte auch zurückhaltend auf längere Verjährungsfristen. «Es hilft jetzt keinem Kind», sagte Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers.

Die Deutsche Kinderhilfe forderte, Verjährungsfristen ganz abzuschaffen. Ihr Vorsitzender, Georg Ehrmann, verwies im Fernsehsender N24 darauf, dass Mörder und NS-Verbrecher mit lebenslange Verfolgung fürchten müssten. «Gleiches sollte für Sexualstraftäter gelten, deren Opfer lebenslang unter den Taten leiden.»

Die Kultusministerkonferenz sprach sich für ein Null-Toleranz- Prinzip für Tat und Täter aus, wie ihr Präsident Ludwig Spaenle (CSU) in Bonn mitteilte. Man müsse prüfen, ob man schul- und einrichtungsübergreifenden Anlaufstellen einrichten könne. In den kommenden Tagen werde es ein Gespräch zwischen KMK und Schavan geben.

Der Chef des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kritisierte das Treffen. «Das ist der typische Aktionismus-Reflex der Politik auf solche Vorfälle. Entscheidend ist, wie jede einzelne Schule mit diesem Thema umgeht, nicht was Kultusminister dazu Kluges sagen, die sich morgen schon wieder anderen Themen zuwenden.»

http://dpaq.de/LvUs6

Kriminalität / Schulen
08.03.2010 · 20:07 Uhr
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