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Missbrauch: Jesuit nimmt Judenvergleich zurück

Eberhard von GemmingenGroßansicht
Berlin (dpa) - Der Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten-Schulen in Deutschland macht immer neuen Wirbel. Die Opfer können wahrscheinlich keinen Schadenersatz einklagen - Experten halten die Übergriffe für verjährt.

Unterdessen verglich der prominente Jesuit Eberhard von Gemmingen die Reaktionen auf die Affäre mit der Judenverfolgung. Kaum waren seine Äußerungen in der Welt, zog der frühere Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan sie wieder zurück. Der deutsche Jesuiten-Chef, Pater Stefan Dartmann, distanzierte sich von den Äußerungen seines Ordensbruders.

Von Gemmingen hatte in einem Interview der «Heilbronner Stimme» vor einem Generalverdacht gegen seinen Orden gewarnt und dafür den historischen Vergleich bemüht, den er später - noch vor Drucklegung der Samstagszeitung - zurückzog. In dem Interview sagte der Pater: «Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen. Man darf nicht von einzelnen Missetaten ausgehen und eine ganze Gruppe verurteilen.»

Diesen Wortlaut hatte von Gemmingen geprüft und zunächst zur Veröffentlichung freigegeben. Nachdem die Sätze unter anderem auf der Internet-Seite der Zeitung veröffentlicht worden waren, erklärte von Gemmingen: «Ich ziehe diesen Vergleich mit den Juden zurück, denn er ist unzutreffend.» Der deutsche Jesuiten-Chef Dartmann distanzierte sich von den Äußerungen seines Ordensbruders. Der Vergleich sei «vollkommen inakzeptabel», erklärte der Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten am Freitagabend in München.

Seit gut einer Woche waren Missbrauchsfälle von allen drei deutschen Jesuiten-Gymnasien - dem Berliner Canisius-Kolleg, dem Kolleg St. Blasien im Schwarzwald und dem Bonner Aloisius-Kolleg - bekanntgeworden und hatten für viel Aufsehen und Medienecho gesorgt. Betroffen sind auch eine frühere Jesuitenschule in Hamburg und weitere Einrichtungen.

Erste Missbrauchsfälle aus den 70er und 80er Jahren waren am 28. Januar in Berlin öffentlich geworden. Dann kamen weitere Taten von drei Jesuiten-Patres in Hamburg, Hildesheim, Göttingen, Hannover, im Schwarzwald und in Bonn ans Licht. Die Zahl der Opfer liegt bei mindestens 30.

Von Gemmingen nimmt in dem Interview, das ohne den Judenvergleich an diesem Samstag in der Zeitung erscheint, einen der Patres in Schutz, die sexuellen Missbrauch begangen haben sollen. «Ich stehe zu ihm. Der hat gesündigt, wenn ich das so sagen darf. Leider laufen in Deutschland noch viele andere Sünder rum, auf die niemand mit dem Finger zeigt.» Es sei aber gut, dass die Fälle aufgedeckt werden. Früher habe man nur versucht, einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, heute gehe man vom Leid der Opfer aus und dürfe Missbrauch von Jugendlichen nicht tolerieren.

Gemmingen war selbst Schüler und Präfekt am Jesuiten-Kolleg in St. Blasien, an dem es auch Opfer gab. Die Jesuiten in Deutschland und speziell auch in St. Blasien seien «betroffen, erschüttert, traurig, ärgerlich, beschämt».

Ein Berliner Schadenersatz-Experte wies darauf hin, dass nicht nur bei Strafverfahren, sondern auch bei zivilrechtlichen Klagen Verjährungsfristen greifen. Die Opfer hätten bis spätestens drei Jahre nach ihrer Volljährigkeit aktiv werden müssen, sagte der Jurist und Opfer-Anwalt Roland Weber der «Berliner Morgenpost». Sonst sei in diesen Fällen der Anspruch auf Entschädigung hinfällig. Zwei Berliner Rechtsanwälte prüfen derzeit im Auftrag mehrerer Opfer Zivilklagen gegen das katholische Canisius-Gymnasium und den Jesuiten-Orden.

Nach Einschätzung der Berliner Staatsanwaltschaft sind die meisten bisher bekannten Fälle strafrechtlich verjährt. Die Vorermittlungen zu den Taten in den 70er und Anfang der 80er Jahre liefen zwar noch bis nächste Woche, sagte ein Justizsprecher. Aber die Verjährungsfrist für diese Form sexuellen Missbrauchs betrage zehn Jahre ab dem 18. Geburtstag des Opfers und sei abgelaufen.

In der «Bild»-Zeitung berichtete derweil ein früherer Schüler des Bonner Aloisius-Kollegs von sexuellem Missbrauch in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Der Täter habe sich später nach Vermittlung des Ordens entschuldigt. In der «Süddeutschen Zeitung» sprach ein anderes Opfer vom gleichen Gymnasium über «Genugtuung» angesichts der jetzt aufgeflammten Diskussion: «Jetzt wird die Verlogenheit der katholischen Kirche endlich aufgedeckt.»

Das Bistum Hildesheim bestätigte einen weiteren Fall, über den die «Neue Presse» berichtet hatte. Eine damals bereits volljährige Frau sei in den 90er Jahren von einem Pater belästigt worden, gegen den bereits Vorwürfe vorlagen und der von 1982 bis 2003, mit kurzen Unterbrechungen, im Bistum arbeitete.

Kirchen-Beauftragten für die Aufklärung sexuellen Missbrauch befürchten, dass in Zukunft noch viele Missbrauchsfälle auftauchen könnten. Die katholische Kirche habe das Thema Pädophilie zu lange tabuisiert, sagte Prälat Armin Bernhard aus Dresden der dpa.

Kriminalität / Kirchen / Schulen
05.02.2010 · 20:35 Uhr
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