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Mindestens ein Deutscher in Haiti getötet

Unfassbare Szenen: Hunderte von Leichen liegen im Hof eines Krankenhauses in Port-au-Prince.Großansicht
Buenos Aires/Port-au-Prince/Genf (dpa) - Haitis Jahrhundert-Beben gilt nach UN-Angaben als das schlimmste in der Geschichte der Vereinten Nationen.

Unter den Toten ist mindestens ein Deutscher, erklärte am Samstagabend Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) bei der Ankündigung einer Aufstockung der deutschen Haiti-Hilfe auf nun 7,5 Millionen Euro. Er sprach von einer «Katastrophe biblischen Ausmaßes». Im Süden Haitis wurden mehrere Städte zerstört. «Jacmel ist kaputt, viele Häuser liegen in Trümmern», sagte in Berlin Haitis Botschafter Jean Robert Saget der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Vier Tage nach dem verheerenden Erdbeben in dem armen Karibikstaat wurde zunehmend das ganze erschreckende Ausmaß des Leidens und der Zerstörungen erkennbar. Es sei eine historische Katastrophe, sagte am Samstag Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), in Genf. Historisch nannte auch US-Präsident Barack Obama die Aufgaben, die nun vor den USA und der internationalen Gemeinschaft lägen. In Washington empfing er seine beiden Vorgänger und Koordinatoren für die US-Hilfe, George W. Bush und Bill Clinton, im Weißen Haus.

Unterdessen kamen aus dem Katastrophengebiet immer schockierende Berichte über Tod, Hunger und Leiden Hunderttausender. «Vor uns liegen schwierige Tage», fügte Obama hinzu. «Es bricht uns das Herz», sagte Bush. Nun komme es darauf an, dass die Menschen Hilfsbereitschaft zeigten. Clinton, der UN-Sonderbotschafter für Haiti ist, betonte die längerfristigen Aufbauarbeiten in dem Land. Beide wollen verhindern, dass die gigantische internationale Hilfsbereitschaft zu schnell wieder erlahmt. Zugleich wollte sich Außenministerin Hillary Clinton in Port-au-Prince ein Bild von der katastrophalen Lage machen und mit Präsident René Préval sprechen.

In Bonn kündigte Außenminister Westerwelle eine Erhöhung der deutschen Haiti-Hilfe um sechs Millionen auf 7,5 Millionen Euro an. Weiterhin seien noch 30 Deutsche vermisst. Es sei nicht auszuschließen, dass darunter weitere Opfer zu beklagen seien.

Laut OCHA sind 26 Such- und Rettungsteams auf Haiti tätig. Beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wurde vom «reinsten Chaos» in Haiti gesprochen. «Die Zerstörung findet sich an jeder Ecke», zitiert die Organisation am Samstag IKRK-Sprecher Simon Schorno nach seinen ersten Eindrücken in Port-au-Prince. Die Menschen irrten ohne Aussicht auf Hilfe oder Unterkunft umher. Zugleich verwies er aber auch auf «enorme Solidarität unter Nachbarn und Fremden». Das Wenige, das noch übrig geblieben sei, werde geteilt.

Selbst beim Tsunami Ende 2004 in Asien mit mehr als 230 000 Toten habe es wenigstens keine solchen logistischen Probleme gegeben, sagte OCHA-Sprecherin Byrs. «Wir können auf keine staatliche Infrastruktur zurückgreifen und fangen praktisch bei Null an.» Wie die Salesianer Don Bosco aus Haiti den Don Bosco Hilfswerken in Bonn mitteilten, irrten Tausende durch die Straßen. Viele schliefen auf Bürgersteigen, wo die Toten verwesen und einen furchtbaren Gestank verbreiteten.

Obwohl eine offizielle Opferzahlen immer noch nicht vorliegt, steigen die Schätzungen immer höher. Während die Behörden zunächst von mindestens 50 000 Menschen ausgingen, kursiert in der zerstörten Hauptstadt mittlerweile die Zahl von 140 000 Toten. Allein in einem Massengrab vor den Toren der Stadt seien bereits mehrere zehntausend Menschen beerdigt. Zehntausende Haitianer wurden bei dem Beben mit der Stärke 7,0 zudem verletzt und obdachlos. Weitgehend unbekannt sind zudem die Opferzahlen und Schäden in den Regionen außerhalb der Hauptstadt, die ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Die Hilfsmaßnahmen seien bei weitem nicht ausreichend, habe Pater Pierre Lephene berichtet. Auch die Straßenkinderzentren und Schulen der Salesianer seien komplett zerstört, unter den Trümmern sollen 500 Menschen gestorben sein. Die Salesianer säßen nun in den Straßen und Ruinen ihrer Einrichtungen ohne Wasser und Strom. Das wenige, was gerettet wurde, versuchten marodierende Banden zu rauben.

Nach IKRK-Angaben war vor allem das medizinische Personal völlig überfordert. Nach IKRK-Angaben gibt es etwa 40 Sammelpunkte für Hilfsbedürftige in der Stadt. Auf der als Kontaktbörse eingerichteten Hilfswebseite des IKRK hätten sich bis Samstag mehr als 19 300 Menschen registriert. Ein Grund für die schleppend angelaufene Hilfe für die verzweifelten Überlebenden war die zerstörte Infrastruktur der Trümmerstadt, vor allem aber die ungenügende Kapazität des Flughafens der zerstörten Hauptstadt. Dort hat mittlerweile US-Militär die Luftkontrolle und Koordinierung der An- und Abflüge übernommen. Frankreich beschwerte sich bereits über die US-Kontrolle.

Erdbeben / Haiti
16.01.2010 · 21:51 Uhr
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