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Milliardengeschäft Atomkraft: Wie geht es weiter?

Milliardengeschäft Atomkraft: Wie geht es nach den Beschlüssen der neuen Koalition weiter?Großansicht
Berlin (dpa) - Schwarz-Gelb will eine Renaissance der Atomkraft. Unter bestimmten Bedingungen sollen Kernkraftwerke länger am Netz bleiben dürfen. Viel mehr steht im Koalitionsvertrag aber nicht. Wichtige Fragen sind ungeklärt.

Warum gibt es kein Gesamtkonzept, die Parteien hatten doch drei Wochen Zeit zum Verhandeln?

Das Thema ist total kompliziert. Union und FDP sind zwar beide grundsätzlich für Atom. Aber es gibt verschiedene Flügel in den Parteien. Die Wirtschaftsleute denken mehr an Jobs und die Interessen der Industrie. Die Umweltexperten wollen strengere Auflagen durchsetzen. Auch muss ein ganz neues Energiekonzept geschrieben werden. Denn wenn die Atomkraftwerke länger laufen, kann erst mal weniger Strom aus anderen Quellen genutzt werden. Die Zeit war dafür zu kurz. Das dauert Monate.

Jubeln die Atomkonzerne trotzdem?

Nur ein bisschen. Natürlich freuen sich die Konzerne, wenn einige ihrer Kraftwerke nicht abgeschaltet werden müssen. Die Atommeiler sind echte Goldesel. Weil die Kosten, die die Firmen in den Bau gesteckt haben, längst von der Steuer abgeschrieben sind, machen die Betreiber dicke Gewinne. Experten schätzen grob, etwa 1 bis 2 Millionen Euro pro Tag je Kraftwerk.

Was sagt die Börse?

An den Märkten sind die Aktien von E.ON oder RWE nach dem Wahlsieg von Union und FDP nicht in die Höhe geschossen. Der Atomvertrag könnte für die Konzerne teuer werden. Nicht nur, weil sie die Extra-Profite mit dem Staat teilen müssen. Auch sollen die Kraftwerke mit Milliardensummen sicherer gegen Pannen oder Terrorangriffe werden.

Was sollen die Versorger denn bezahlen?

Die Regierung will mindestens 50 Prozent der Sonderprofite abschöpfen. Wie viel Geld reinkommt, ist offen. Das Freiburger Öko-Institut hat ausgerechnet, dass die Betreiber bei einer Laufzeit-Verlängerung pro Jahr mit 8 bis 10 Milliarden Euro mehr Gewinn rechnen. Einige Kraftwerke sollten aber sowieso noch bis 2020/22 laufen. Hier sind alle Gewinne längst eingepreist.

Wie wird das Geld eingetrieben? Und was passiert damit?

Wahrscheinlich wird es eine Stiftung oder einen Öko-Fonds geben. Darüber wird in den nächsten Monaten verhandelt. Die Juristen der Konzerne werde mitmischen, weil es um das Geld der Aktionäre der Unternehmen geht. Mit den Fonds-Milliarden soll erforscht werden, wie man noch besser Energie aus Sonne, Wasser, Wind oder Biomasse gewinnt. Wichtig ist die Entwicklung neuer Batterien. Das Problem ist, den Strom zu speichern. In Zukunft sollen ja viele Elektroautos die Diesel- und Benzinschlucker ablösen.

Wenn die AKW länger laufen, gibt es doch mehr Atommüll?

Das stimmt. Union und FDP wollen den Salzstock im niedersächsischen Gorleben weiter als Endlager prüfen. Rot-Grün hatte die Forschung auf Eis gelegt. Ob Gorleben sicher ist, darüber streiten Experten seit Jahren. Viele Menschen haben Angst, seit sie die Bilder aus dem Endlager Asse gesehen haben: Dort sind viele Fässer mit Atommüll im Wasser abgesoffen. Asse und das weitere Lager Morsleben sollen geschlossen werden. Das wird viele Milliarden kosten. Die Atomkonzerne sollen mitbezahlen.

Wie viele Atomkraftwerke gibt es eigentlich?

In Deutschland sind noch 17 am Netz. Die acht ältesten sollen in den kommenden fünf Jahren abgeschaltet werden - zunächst Biblis A und B sowie Neckarwestheim 1 bis 2010. Zuletzt sollen Isar 2 bei Essenbach und Emsland bei Lingen (2020) sowie Neckarwestheim 2 (2022) vom Netz gehen. Der Meiler in Mülheim-Kärlich wurde schon 1988 abgeschaltet, Stade 2003, Obrigheim 2005.

Wer sind die Sorgenkinder?

Besonders umstritten sind Biblis A/B (Hessen/am Netz seit: 1974/1976), Brunsbüttel (Schleswig-Holstein/1976), der bayerische Block Isar I (1977) sowie Krümmel (Schleswig-Holstein/1983). Hier gab es oft Pannen. 2007 brannte in Krümmel ein Transformatorengebäude. In beiden Biblis-Blöcken sowie Brunsbüttel gab es Probleme mit falsch montierten Dübeln.

Gibt es international eine Renaissance der Atomkraft?

Auf den ersten Blick ja. Einige Länder wie Schweden oder Italien haben den Ausstieg gekippt. In Finnland wird ein großer Reaktor gebaut, Siemens ist beteiligt. Das Schweizer Prognos-Institut sagt in einer Studie im Auftrag des Umweltministeriums aber: «Wir erwarten bis 2030 keine Renaissance der Kernenergienutzung.» Weil viele Meiler altersschwach und unsicher seien, werde die Zahl der Reaktoren bis 2030 um fast ein Drittel sinken. Weltweit sind derzeit 436 Meiler in Betrieb, im Schnitt sind sie 24 Jahre alt. 2002 waren noch 444 Reaktoren am Netz.

Parteien / Regierung / Umwelt / Atom
25.10.2009 · 22:02 Uhr
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