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Migrationsforscher: Ausschluss schafft Märtyrer

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Berlin (dpa) - Die Thesen von Thilo Sarrazin zur Integration von Zuwanderern haben bei führenden Politikern aller demokratischen Parteien Empörung ausgelöst. Neben seiner Abberufung als Mitglied des Bundesbank-Vorstandes droht Sarrazin auch der Ausschluss aus der SPD.

Die Deutsche Presse-Agentur hat den Migrationsforscher Professor Klaus J. Bade, der Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration ist, nach seiner Bewertung gefragt.

Welche Folgen haben die Aussagen von Sarrazin für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland?

Bade: Die Debatte ist ein doppelter Belastungstest: Zum einen für die Einwanderungsgesellschaft, die aus Mehrheits- und Zuwandererbevölkerung besteht; zum anderen für die deutsche Gesellschaft selber, weil 1,7 - 2 Millionen und damit fast die Hälfte der hier lebenden Muslime deutsche Staatsbürger sind. Hier machen also in der Bürgergesellschaft Deutsche gegen Deutsche mobil.

Was halten Sie der These Sarrazins entgegen, dass islamisch geprägte kulturelle Einstellungen muslimischer Migranten Schuld am Integrationsproblem sind?

Bade: Das ist demagogischer Unsinn, der durch keinerlei Statistik zu belegen ist: Die Muslime in Deutschland stammen (ursprünglich) aus rund 50 Ländern, z.B. auch aus dem Iran, aus dem eine ausgesprochene Elitenwanderung nach Deutschland kam. Es geht in Wahrheit um unterschiedliche Sozialmilieus und Bildungstraditionen. In Sarrazins scheinwissenschaftlichem Desintegrations-Cocktail werden disparate Informationen über Bildungserfolge, Sozialmilieus und Religionsgemeinschaften verquirlt. Das Ergebnis ist eine für unkundige Zeitgenossen süffig wirkende Mischung von in der Kombination giftigen Halbwahrheiten.

Handelt die SPD richtig, wenn sie Sarrazin aus der Partei ausschließen will?

Bade: Nein, denn dann müsste sie auch einen beträchtlichen Teil ihrer anderen Mitglieder ausschließen, die Sarrazin auf den Leim gegangen sind. Man sollte Sarrazin als Autor widerlegen und nicht als Parteimitglied umlegen; denn damit schafft man einen unheimlichen Märtyrer, der sich in einen noch gefährlicheren Wiedergänger verwandeln könnte.

Kann die Debatte auch einen Schub auslösen, damit Politiker der Integration noch mehr Bedeutung beimessen?

Bade: Vielleicht. Vor allem aber sollte die Debatte daran erinnern, dass es der sehr aktiven Integrationspolitik offenkundig noch immer nicht zureichend gelungen ist, ihre wichtigste Botschaft deutlich zu machen: Erfolgreiche Integration bleibt immer unauffällig und die auffälligen Ausnahmen gescheiterter Integration bestätigen nur die Regel der zumeist durchaus erfolgreichen Integration, auch im europäischen Vergleich. Niemand versteht im europäischen Ausland das wirklichkeitsfremde deutsche Gejammer auf hohem Niveau über die angeblich gescheiterte Integration.

Welche Rolle spielen die Medien in dieser Debatte?

Bade: Die Medien haben sich zum Teil fahrlässig auf die vom Start weg falsche Diskussion über Deutsche und Muslime eingelassen: Man kann z.B. über Christen und Muslime oder über Deutsche und Türken diskutieren. Wer aber über Deutsche und Muslime spricht, verrechnet Äpfel mit Birnen und kann deshalb nur zu falschen Ergebnissen kommen.

Der Migrationsforscher Bade ist Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS). Er lehrte dort bis 2007 und lebt heute in Berlin.

Migration / Integration / SPD / Bundesbank
03.09.2010 · 11:13 Uhr
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