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Mehrheit für Abschaltung älterer Atomkraftwerke

AKW KrümmelGroßansicht
Berlin (dpa) - Eine Woche nach dem neuen Störfall im Atomkraftwerk Krümmel rückt der Streit um die Kernenergie immer mehr in den Wahlkampf. CDU/CSU sowie SPD und Grüne attackierten sich am Samstag heftig. Fast drei Viertel aller Deutschen sprachen sich derweil für die Abschaltung von Alt-AKWs aus.

CDU-Politiker warnten vor einer unsicheren Stromversorgung beim Verzicht auf die Kernenergie, die SPD vor Sicherheitsrisiken beim Festhalten an dieser Technik. Die Union zeigte sich zudem verärgert über Vattenfall und erhöhte den Druck auf den Krümmel- Betreiber. Der Konzern warb am Samstag am Kraftwerk um Vertrauen.

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier griff die CDU frontal an. «Ich begreife wirklich nicht, warum die CDU Kernkraft zur Öko- Energie des 21. Jahrhunderts erklärt und sich derart zum Sprachrohr der Atomlobby macht», sagte er der «Welt am Sonntag». SPD-Chef Müntefering sagte dem Magazin «Der Spiegel»: «Die Union verharmlost und will den Atomkonsens wieder aufkündigen.» Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin warf CDU-Chefin und Kanzlerin Angela Merkel vor, ihre Partei vertrete die Profitinteressen der Energiekonzerne.

Nach Ansicht von Hamburgs Regierungschef Ole von Beust (CDU) macht der Fall Krümmel für die CDU die nötige Debatte über längere Atomlaufzeiten schwerer. Auch 68 Prozent der Unionsanhänger sind für die sofortige Abschaltung älterer Atomkraftwerke. 72 Prozent sprachen sich nach der Umfrage des Instituts Emnid für «Bild am Sonntag» für eine Stilllegung von Krümmel und anderen älteren Atomkraftwerken aus.

Beust setzte Vattenfall unter Zeitdruck. Die Probleme müssten rasch gelöst werden, sagte er der «Süddeutschen Zeitung» (Samstag). «Es ist Schluss mit lustig.» Sonst solle die Betriebsgenehmigung für Krümmel entzogen oder ein anderer Betreiber gesucht werden. Eine konkrete Frist setzte er nicht. CSU-Chef Horst Seehofer sagte in der «Rheinpfalz am Sonntag», immer wieder gerate Vattenfall in die Schlagzeilen. «Liegt es am Konzern oder an den Kraftwerken, die er betreibt?»

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sagte in Asperg bei Ludwigsburg, der Umgang von Vattenfall mit dem Vorfall sei «nicht verantwortlich, nicht entschuldbar und schadet dem Ansehen der Kernkraft». Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) kritisierte im «Hamburger Abendblatt»: «Die Dummheit der Energiekonzerne in ihrer Kommunikation ist kaum noch beschreibbar.» Betreiber, die sich verhielten wie Vattenfall in Krümmel, würden «unfreiwillig selbst zu den größten Gegnern der Kernkraft».

Vattenfalls Europa-Chef Tuomo Hatakka warnte vor einem Anti-Atom- Wahlkampf. «Da wird in unverantwortlicher Weise mit den Ängsten der Menschen gespielt», sagte er dem Magazin «Focus». Der Kurzschluss in einem Krümmel-Transformator sei ein Einzelfall gewesen. Er gehe davon aus, dass Krümmel «in enger Abstimmung mit den Behörden» wieder ans Netz gehe. Der Kurzschluss hatte zur Schnellabschaltung des Reaktors geführt. Der Geschäftsführer der Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH, Ernst Michael Züfle, sagte eine genaue Prüfung zu. «Wir werden den Trafo ganz genau untersuchen», sagte er vor rund 50 Anwohnern und Vertretern von Bürgerinitiativen.

Müntefering schloss sich Steinmeiers Forderung an, Krümmel stillzulegen. Die problematischen alten Meiler sollten bis Ende der nächsten Legislatur stillgelegt werden, Krümmel sofort, sagte er. «Was in Krümmel passiert ist, stinkt zum Himmel.»

Oettinger sagte in der «Bild am Sonntag»: «Ob und wie lange ein Kernkraftwerk betrieben werden kann, sollten Ingenieure, Techniker und die Atomaufsicht entscheiden, aber nicht Kanzlerkandidaten.» Die Kernkraft könne noch bis zwei Jahrzehnte genutzt werden. Schleswig- Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) sagte der «Rheinpfalz am Sonntag», die Bevölkerung wisse besser als die SPD- Wahlkämpfer, dass für eine zuverlässige Stromversorgung ein Energiemix mit Kernenergie erforderlich sei.

Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast warf Union und FDP «Lügen über die Versorgungssicherheit in Deutschland» vor. «Die acht unsichersten AKWs inklusive des Pannenreaktors Krümmel können sofort stillgelegt werden, ohne dass in Deutschland der Strom knapp wird», sagte sie dem «Tagesspiegel am Sonntag».

Energie / Atom
11.07.2009 · 18:11 Uhr
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