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Meerwasser soll Strahlenkatastrophe verhindern

Das undatierte Foto der Tokyo Electric Power Company zeigt das Atomkraftwerk in Fukushima.Großansicht

Tokio (dpa) - Nach einer Explosion im Atomkraftwerk Fukushima haben Techniker damit begonnen, den Reaktorkern mit Meerwasser zu fluten. Damit soll nach einer Meldung der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo eine drohende Kernschmelze verhindert werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte die Überprüfung der Sicherheitsstandards bei allen deutschen Atomkraftwerken an. «Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt», sagte Merkel am Samstagabend in Berlin. Auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sprach von einer Zäsur und sagte, die Kernenergie sei ein Auslaufmodell. In den ARD-«Tagesthemen» sagte der auch für die Reaktorsicherheit zuständige Minister, die japanischen Kernkraftwerke seien mit Blick auf die Erdbebengefährdung besonders sicher ausgelegt worden. «Und trotzdem ist es passiert.»

Bei dem Erdbeben und dem anschließenden Tsunami kamen in Japan vermutlich mehr als 1800 Menschen ums Leben. Diese Zahl ergibt sich nach Meldungen der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo vom Sonntagmorgen (Ortszeit) aus der bisher von der Polizei bestätigten Zahl von 687 Toten und der Zahl der Vermissten. Allerdings wird erwartet, dass die Zahl der Todesopfer steigen wird - allein in der Ortschaft Minamisanriku in der schwer betroffenen Provinz Miyagi gab es von 9500 Menschen und damit von jedem zweiten Bewohner kein Lebenszeichen.

Die gewaltige Explosion zerstörte am Samstagmorgen Dach und Wände eines Gebäudes im Atomkraftwerk Fukushima Eins. Mit ungeheurer Wucht wurden Trümmer in die Luft geschleudert, große Rauchwolken breiteten sich über der Anlage aus. Nach Angaben des Atomkraftwerksbetreibers blieb das Reaktorgehäuse jedoch unversehrt. Nach der Explosion verdoppelten die Behörden den Evakuierungsradius um die Kernkraftwerke auf 20 Kilometer. Der Reaktorblock 1 in der Anlage Fukushima Eins stand kurz vor der Stilllegung, wie aus der Datenbank eines slowenischen Forschungszentrums hervorgeht.

Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan zeigte sich zwar besorgt über die Lage, sprach aber nicht von einer Kernschmelze. Allerdings hatte die Atomsicherheitskommission schon vor der Explosion erklärt, in dem Reaktor laufe möglicherweise eine Kernschmelze ab. Die japanische Behörde sprach von einer teilweisen Kernschmelze, wie Kyodo meldete - das wäre der erste Fall dieser Art in Japan.

Ein Greenpeace-Sprecher sagte der dpa, dass neben der möglichen Kernschmelze in Reaktor 1 in einem weiteren Reaktor des gleichen Kraftwerks ein solches Szenario drohe. Fünf der zehn Reaktoren in den beiden Kraftwerken seien ohne Kühlung, sagte der Sprecher unter Verweis auf Informationen aus der Krisenregion. Angesichts der Verkettung unterschiedlicher Ereignisse sei die Lage womöglich außer Kontrolle. «Es ist dramatisch, weil derzeit scheinbar unkontrolliert Radioaktivität austritt.»

Aus aller Welt wurde der japanischen Regierung Hilfe angeboten. Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Christian Wulff sagten Unterstützung zu. Das Auswärtige Amt riet von nicht erforderlichen Reisen in den Großraum Tokio und den Nordosten Japans ab.

In Deutschland wird nach dem Reaktorunfall über Konsequenzen gestritten. SPD, Grüne und Linke erinnerten an die jüngste Laufzeitverlängerung für deutsche Atommeiler und betonten, die Kernkraft sei auch hierzulande nicht beherrschbar. Oppositionspolitiker, Verbände und Initiativen forderten, die deutschen Anlagen so schnell wie möglich abzuschalten. Zehntausende Atomkraftgegner demonstrierten mit einer 45 Kilometer langen Menschenkette von Stuttgart zum Kernkraftwerk Neckarwestheim für einen sofortigen Atomausstieg. Das Deutsche Atomforum, die Lobby-Vertretung der Atombranche, erklärte, ein Atomunfall wie in Japan sei in Deutschland nicht möglich.

Einen Tag nach dem Beben der Stärke 8,9 und dem verheerenden Tsunami, der bis weit ins Land hinein Schiffe, Häuser, Autos und Menschen mitgerissen hatte, hielten Nachbeben die Bewohner selbst in weit vom Epizentrum entfernten Gegenden in Atem. Die US-Wissenschaftsbehörde United States Geological Survey (USGC) registrierte seit Freitag allein 25 Beben ab der Stärke 6. Hinzu kamen über 150 schwächere Nachbeben.

Das gewaltige Beben hatte Japan am Freitag gegen 14.45 Uhr Ortszeit (6.45 Uhr MEZ) erschüttert. Im gesamten Pazifikraum waren danach in etwa 50 Ländern zeitweise Tsunami-Warnungen ausgelöst worden. In Kalifornien wurde ein junger Mann von einer Flutwelle mitgerissen und ertrank.

In Ecuador waren mehr als 260 000 Menschen aus küstennahen Gebieten in Sicherheit gebracht worden, in Chile flohen ebenfalls Zehntausende Bewohner aus tief gelegenen Küstenstrichen in höheres Gelände. In Indonesien kam im Tsunami ein Menschen ums Leben, etliche Häuser wurden zerstört.

Nach Angaben von Wissenschaftlern hat das Erdbeben mit seiner Wucht große Landmassen verschoben. Die japanische Hauptinsel sei um 2,4 Meter verrückt worden, sagte Kenneth Hudnut von der US-Geologiebehörde dem Fernsehsender CNN. Das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie ermittelte nach eigenen Angaben außerdem, dass das Beben die Achse der Erdrotation um rund 10 Zentimeter verschoben hat. Das wäre wahrscheinlich die größte Verschiebung durch ein Erdbeben seit 1960, als Chile erschüttert wurde.

Erdbeben / Japan
12.03.2011 · 22:50 Uhr
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