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Mauerfall: 20 Fragen - 20 Antworten

1. Was passierte am 9. November 1989 um 18.53 Uhr in Ost-Berlin?

SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski erläuterte auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin das neue DDR- Reisegesetz, nach dem Privatreisen ins Ausland ohne besondere Voraussetzungen möglich sein sollen.

Auf die Frage, ab wann das gilt, stammelte Schabowski: «Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort... unverzüglich.» Die entscheidende Frage geht möglicherweise auf einen Tipp aus den Reihen der SED zurück. Der Chef der staatlichen DDR-Nachrichtenagentur ADN, Günther Pötschke, soll dem italienischen Journalisten Riccardo Ehrman geraten haben, nach der Reisefreiheit zu fragen. Diese Version wies Schabowski als «völlig absurd» zurück.

2. Wie ging es weiter an dem Abend?

Um 19.04 Uhr, elf Minuten nach Schabowskis historischem Satz, sandte die Deutsche Presse-Agentur dpa die Eil-Meldung: «Von sofort an können DDR-Bürger direkt über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen.» Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell, obwohl in den DDR-Medien über die offizielle Ankündigung hinaus zunächst nichts berichtet wurde. Erst als die Schlangen immer länger wurden, wurde als erster der Übergang an der Bornholmer Straße geöffnet. Um 23.54 Uhr hieß es in einer weiteren Meldung: «Einige tausend DDR-Bürger haben sich am Donnerstagabend an den Ost-Berliner Grenzübergängen eingefunden, um nach West-Berlin zu gelangen. (...) Sie wurden von den DDR-Grenzern nach Vorzeigen des Personalausweises durchgelassen.»

3. Wann wurde die Mauer eingerissen?

Am 10. November. Am 9. November wurden einzelne Grenzübergänge geöffnet, angesichts der Menschenmengen musste oft nicht einmal ein Personalausweise an der Grenze vorgezeigt werden. Am 10. November wurde nachmittags vermeldet: «Die Mauer bekommt Löcher - Neun neue Grenzübergänge». Zunächst wurden am Potsdamer Platz Mauerabschnitte eingerissen.

4. Was versüßte den DDR-Bürgern die Ausreise in den Westen?

Das Begrüßungsgeld: Jeder DDR-Bürger erhielt im Westen einmalig 100 D-Mark. Dazu musste ein Ausweis vorgelegt werden. Das Geld wurde auch schon vor dem Mauerfall an Besucher gezahlt. Ende 1989 wurde es abgeschafft. In den West-Berliner Bezirksämtern war am 10. November der Andrang so groß, dass sich auch die 92 Filialen der Berliner Sparkassen an der Auszahlung beteiligten.

5. Wo war Kanzler Helmut Kohl, als die Grenze geöffnet wurde?

In Warschau. Der CDU-Vorsitzende äußerte sich zunächst sehr zurückhaltend, da er die Nachricht nicht so recht glaubte. Am Freitag, dem 10. November, reiste er nach West-Berlin, um zu den Menschen zu sprechen. Während seiner Rede gab es Buhs und Pfiffe.

6. Wie reagierte der Bundestag in Bonn?

Ebenfalls mit großem Erstaunen, als nach und nach die Sensation aus Berlin durchsickerte. Der Bundestag beendete am 9. November um 21.10 Uhr seine Sitzung mit der Nationalhymne.

7. Konnten DDR-Bürger einfach so die Grenze überqueren?

Zunächst regierte das Chaos, die Grenzposten ließen die Massen einfach passieren. Es reichte, den Personalausweis vorzuzeigen. Doch dann nahmen Mitarbeiter des Pass- und Meldewesens der DDR an den Grenzübergängen die Arbeit auf. Bei Vorlage eines Reisepasses sollte ein Visum zur mehrmaligen Ausreise für sechs Monate erteilt werden. Wer keinen Pass hatte, bekam ein Visum im Personalausweis.

8. Wollten nach dem 9. November viele DDR-Bürger im Westen bleiben?

Nein. Im Westen wurde berichtet, dass die meisten «Grenzgänger» nur ihre neue Freiheit genießen wollten. Massen bummelten über den Ku`damm in West-Berlin, sahen sich Geschäfte an oder kamen mit fremden Menschen ins Gespräch.

9. Betraf die Grenzöffnung am 9. November zunächst nur Berlin?

Nein. Auch am nördlichsten Grenzübergang der Bundesrepublik zur DDR, in Lübeck-Schlutup, rollten DDR-Trabis in den Westen. «Die meisten» - so ein Zollsprecher - «wollen schnell nur in Lübeck ein Bier trinken und fahren anschließend wieder nach Hause in die DDR zurück.»

10. Wer war Zonen-Gaby?

Zonen-Gaby zierte das Titelbild der Satirezeitschrift Titanic im November 1989. Sie war auf dem Foto in eine Jeans-Jacke gehüllt und hielt eine Gurke in der Hand, die wie eine Banane geschält war. Daneben stand: «Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane.» Gaby hieß tatsächlich Dagmar, stammte aus Worms und hatte sich für 300 Mark als Model zur Verfügung gestellt. Weltweit druckten Zeitungen das Motiv nach, das noch heute bei Berlin-Touristen als Postkarte ein Renner ist.

11. Warum wurde der 3. Oktober Nationalfeiertag - und nicht der 9. November?

Weil die DDR der Bundesrepublik offiziell am 3. Oktober 1990 beitrat. Der 9. November als Tag des Mauerfalls war auch in der Diskussion - er ist aber mit der Pogromnacht 1938, in der die Nazis tausende Juden festnahmen und Synagogen zerstörten, ein vorbelasteter Tag. Seit 1990 ist der 3. Oktober der Nationalfeiertag im wiedervereinigten Deutschland. Das Datum löste den 17. Juni (BRD) und den 7. Oktober (DDR) als Feiertage ab.

12. Wie lang war die deutsch-deutsch Grenze?

Die innerdeutsche Grenze von der Lübecker Bucht bis zur deutsch- tschechischen Grenze bei Hof hatte eine Länge von knapp 1400 Kilometern. Hinzu kam die 155 Kilometer lange und knapp vier Meter hohe Mauer um den Westteil Berlins.

13. Das Bild ging 1961 um die Welt. Wie hieß der NVA-Soldat, der kurz nach dem Mauerbau in den Westen sprang?

Conrad Schumann. Der 19 Jahre alte Unteroffizier der Nationalen Volksarmee (NVA) bewachte am 15. August 1961 den Bau der Mauer an der Ecke Ruppiner/Bernauer Straße in Berlin. Noch im Sprung über die Stacheldrahtrolle streifte er seine Maschinenpistole ab und rannte weiter in einen zehn Meter entfernt stehenden Polizeiwagen im Westen, dessen Tür bereits geöffnet war.

14. Wie viele Menschen starben bei Fluchtversuchen aus der DDR?

Nach Angaben des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung starben zwischen 1961 und 1989 allein an der Berliner Mauer 136 Menschen durch das DDR-Grenzregime. Für die Toten an der innerdeutschen Grenze liegen keine gesicherten Angaben vor. Die Schätzungen schwanken zwischen 270 bis 780 Todesopfern.

15. Was waren die spektakulärsten Fluchtversuche?

Am 5. Dezember 1961 durchbrachen sechs Männer, zehn Frauen und sieben Kinder mit einer Dampflok den Ost-Berliner Bahnhof Albrechtshof und setzten sich nach Spandau ab. Am 8. Juni 1962 kaperten 14 Ost-Berliner auf der Spree ein Fahrgastschiff und überqueren im Kugelhagel den Fluss. Am 5. Oktober 1964 krochen 57 Männer, Frauen und Kinder durch einen etwa 150 Meter langen Tunnel zwischen der Strelitzer Straße und der Bernauer Straße nach Berlin- Wedding. Am 29. Juli 1965 schwebte eine Familie vom Dach des Hauses der DDR-Ministerien mit einer selbst gebastelten Seilbahn über die Mauer.

16. Wer verdiente am Fall der Mauer?

Die DDR-Außenhandelsfirma Limex übernahm noch per Staatsauftrag den Verkauf des «antifaschistischen Schutzwalls» und verdiente dabei bestens. Nach Recherchen des Historiker Ronny Heidenreich verschwanden Gelder aus dem Verkauf der Mauerreste in Millionenhöhe statt wie geplant für karitative Zwecke im Osten verteilt zu werden. Nach der Wiedervereinigung übernahm die Bundesrepublik den Weiterverkauf der Mauerteile, in den Etat des Bundes flossen sechs Millionen Mark.

17. Wo ist heute in Berlin noch die Mauer zu sehen?

Das wohl bekannteste Mauerstück ist die East Side Gallery in der Nähe des Ostbahnhofs. Dort haben sich internationale Künstler auf dem mehr als einen Kilometer langen Betonwall verewigt. Die verwitterten Bilder wurden jetzt erneuert. An der Gedenkstätte in der Bernauer Straße gibt es ebenfalls noch ein Originalstück der Mauer. Mauerteile wurden aber auch in alle Welt verkauft. Zudem wurde in der Mauerfall- Euphorie vieles abgerissen und geschreddert. Bei der Leichtathletik- WM im Sommer bekam 100-Meter-Weltrekordler Usain Bolt in Berlin ein drei Tonnen schweres Stück geschenkt, das nach Jamaika verschifft wurde.

18. Gibt es heute noch Mauern?

Ja, zum Beispiel in Israel. Städte wie Betlehem und Teile Jerusalems, die zu den Palästinensergebieten gehören, sind mit einer 25 Kilometer langen und acht Meter hohen Mauer von Israel abgetrennt - Israel erhofft sich so weniger Selbstmordanschläge radikal- islamischer Attentäter. Insgesamt wurde entlang des Westjordanlands und des Gazastreifens eine 760 Kilometer lange Sperranlage aus Metallzäunen, tiefen Gräben und Wachtürmen errichtet.

19. Mit dem Mauerfall kam auch das Ende für die Staatssicherheit. Wie viele Mitarbeiter hatte der DDR-Spitzelapparat?

Auf 180 000 wird die Zahl der hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter in der DDR von 1950 bis 1989 geschätzt. Die Behörde von Stasi-Chef Erich Mielke stützte sich aber auch auf ein Heer Inoffizieller Mitarbeiter (IM), die vielfach nicht als Spitzel zu erkennen waren. 1989 hatte die Stasi mehr als 91 000 hauptamtliche und 174 000 Inoffizielle Mitarbeiter.

20. Wer wurde dank des Mauerfalls die größte Staatsholding der Welt?

Die Treuhand. Sie sollte nach der Wende 14 000 DDR-Unternehmen mit mehr als vier Millionen Beschäftigten aus der sozialistischen Plan- in die soziale Marktwirtschaft überführen. In den viereinhalb Jahren ihres Bestehens von 1990 bis 1995 schloss die Treuhand 85 000 Verträge ab. Sie verbuchte Investitionszusagen von mehr als 200 Milliarden Mark und Zusagen für 1,5 Millionen Arbeitsplätze. Diese wurden nicht immer eingehalten. Zur Bilanz gehören auch 3500 abgewickelte Firmen.

Geschichte / Deutschland
09.11.2009 · 22:24 Uhr
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