News
 

Massenpanik: Erst Angst, dann Flucht und Tragödie

Der Ausgang vom Loveparade-Gelände durch einen Tunnel ist überfüllt.Großansicht

Berlin (dpa) - Das Prinzip ist immer gleich. Menschen in Panik wollen sie nur eines: weg - und zwar sofort. Sie entwickeln eine Art Tunnelblick, pumpen zusätzlich Blut in die Muskeln, um schneller laufen zu können.

Ist genug Platz da, verhilft dieses Verhalten in der Regel auch zu einer erfolgreichen Flucht. Was aber passiert bei großen Menschenansammlungen?

Die tatsächlichen Geschehnisse am Rande der Loveparade in Duisburg mit 20 Toten und mehr als 500 Verletzen sind zwar noch längst nicht geklärt. Aus Sicht der Wissenschaft traten wahrscheinlich jedoch gleich mehrere Phänomene auf - etwa der sogenannte «Freezing-by-Heating-» oder der «Faster-is-Slower-Effekt». Sie sagen zwar nichts über die Ursache der Duisburger Tragödie aus, wohl aber über die Mechanismen, die während einer Massenpanik ablaufen.

Der «Freezing-by-Heating»-Effekt lässt sich mit dem Blick in eine Fußgängerzone erläutern. Sind wenige Menschen unterwegs, schlendern die meisten gemütlich an ihr Ziel. Je mehr Menschen einem jedoch entgegenkommen, desto schneller will der Theorie zufolge der einzelne voran kommen. Es beginnt ein Ausweichen und Überholen. Dies wiederum führt dazu, dass der vorhandene Platz nicht optimal genutzt wird. Das Ergebnis: Im Extremfall verhaken sich die Menschen durch ihr gegenseitiges Geschiebe derart, dass gar nichts mehr geht. Das gilt auch für Gruppen, die einander entgegen kommen - wie im Duisburger Tunnel.

Der «Faster-is-Slower»-Effekt tritt vor allem dann auf, wenn Menschenmassen durch eine Engstelle müssen. Dabei nimmt das innere Verlangen des Einzelnen nach einem raschen Durchkommen zu, je mehr Leute von hinten nachkommen. Der Druck auf die vorne stehenden Menschen erhöht sich so in dem «Flaschenhals» immer mehr. «Im Ernstfall ist das, als würde einem ein Fahrzeug auf dem Brustkorb lasten», sagte der Soziologe der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), Dirk Helbing, dem Internetportal «Zeit online».

Helbing spricht dabei auch von einer Massenturbulenz («Crowd Turbulence»). Dabei entstehen ab einem bestimmten Gedränge in Menschenmassen erdbebenartige Schockwellen, die einzelne Menschen von den Füßen reißen. «Es ist zu diesem Zeitpunkt so gut wie unvermeidbar, dass sich die Menge über sie wälzt, da niemand mehr die Kontrolle über seine Bewegung hat», betont Helbing. Als kritische Größe gelten dabei sechs Personen pro Quadratmeter.

In der Wissenschaft ist schon lange bekannt, dass das Verhalten Einzelner in Gruppen zu großen Problemen führen kann. Das gilt vor allem, wenn der Herdentrieb einsetzt und alle Menschen in die gleiche Richtung flüchten wollen. Die Schwierigkeit besteht darin vorherzusagen, wann sich wer auf welche Weise verhält. Prognosen gibt es seit Jahren. Sie fußen auf vorher festgelegten Parametern, können jedoch kaum auf aktuelle Geschehnisse reagieren.

Unter anderem zwei Forschungsprojekte gehen in eine andere Richtung. So hat Helbing nach dem Tod von mehr als 300 Pilgern durch eine Massenpanik in Mekka im Jahr 2006 Videoaufnahmen analysiert, um zu verstehen, wie es zu solchen Tragödien kommen kann. Neben der strikten Trennung einzelner Menschenströme empfiehlt er unter anderem Computersimulationen in Verbindung mit einer Videoüberwachung kritischer Stellen. Das Ziel: Eine Analyse der Geschehnisse in Echtzeit.

Einen Schritt weiter geht das «Hermes»-Projekt des Forschungszentrums Jülich. Deren Wissenschaftler arbeiten an einem digitalen Evakuierungsassistenten. Dieser soll vorhersagen, an welchen Stellen eines Veranstaltungsortes es in den nächsten 15 Minuten zu einem gefährlichen Gedränge kommen könnte. Die innerhalb einer Minute erstellte Vorhersage basiert dabei auf einer Echtzeitsimulation, die sowohl die aktuelle Personenanzahl als auch die nutzbaren Rettungswege berücksichtigt. Erste Tests in einem Fußballstadion sind im nächsten Jahr geplant.

Notfälle / Loveparade
28.07.2010 · 00:06 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen