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Massenmord an Jugendlichen erschüttert die Welt

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Oslo (dpa) - Getrieben von einem abgrundtiefen Hass gegen den Islam, gegen Linke und gegen alles Fremde hat ein Rechtsradikaler in Norwegen fast 100 Menschenleben ausgelöscht. Nach den Ermittlungen handelte der Massenmörder wahrscheinlich als Einzeltäter.

Neun Jahre lang soll er seine perfiden Taten geplant haben. Die Anschläge des offensichtlich verwirrten Anders Behring Breivik erschüttern die Welt. Am Montag soll gegen ihn Haftbefehl erlassen werden. Die Polizei äußerte sich am Sonntagabend zurückhaltend zum Motiv. Sie stieß im Internet auf eine 1500 Seiten lange Hassschrift des Mannes.

Der von den Behörden als «christlicher Fundamentalist» eingestufte Mann richtete auf einer winzigen Ferieninsel nahe Oslo ein grauenhaftes Blutbad unter rund 700 jungen Leuten an. Er erschoss auf einem fröhlichen Jugendtreffen gegen Intoleranz und für ein friedliches Miteinander mindestens 86 Teilnehmer oder trieb sie im Wasser in den Tod. «Jeder lief um sein Leben und hat versucht, wegzuschwimmen», sagte Camp-Organisator Adrian Pracon (21), der das Blutbad mit einer Schussverletzung überlebte.

Eine entsetzliche Stunde lang schoss der Attentäter mit einem Schnellfeuergewehr gezielt auf die zunehmend panischen Jugendlichen, die weder von der Insel Utøya fliehen noch auf schnelle Hilfe hoffen konnten. «Es sah aus, als habe er Spaß», sagte Augenzeuge Magnus Stenseth (18). Viele versuchten, sich zu verstecken oder die 700 Meter bis zum rettenden Ufer durch das kalte Wasser zu schwimmen.

Eine Terroreinheit konnte erst kein geeignetes Boot auftreiben. Als die Polizei endlich auf der Insel eintraf, ließ sich Breivik ohne Gegenwehr festnehmen. Obwohl er bereits seit gut einer Stunde um sich geschossen hatte, verfügte er zu dem Zeitpunkt «noch über große Mengen Munition». Das teilte Ermittlungschef Sveinung Sponheim am Sonntag in Oslo mit. Mit ihrem «schnellen und kompetenten Eingreifen» habe die Polizei einen noch weit schlimmeren Ausgang des Massakers verhindert, hieß es weiter seitens der Polizei.

Vor dem Massaker hatte der 32-jährige Norweger im etwa 40 Kilometer entfernten Oslo mit einer selbstgebauten Autobombe Teile der Innenstadt in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Mindestens sieben Menschen wurden durch die Wucht der Explosion und Trümmer getötet. Das Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg wurde völlig verwüstet. Möglicherweise sollte die Explosion die Polizei ablenken. Deutsche waren nach bisherigen Erkenntnissen nicht unter den Opfern.

In einem Geständnis bezeichnete Breivik seine Taten als «grausam, aber notwendig». Keine drei Stunden vor dem ersten Anschlag hatte er ein wirres «Manifest» im Internet abgeschlossen: «Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein.» Er wolle Europa vor «Marxismus und Islamisierung» retten. In dem Text stufte er «multikulturelle» Kräfte als Feinde ein. Er beschrieb den Bau einer Bombe, erwähnte auch die Jugendorganisation, die das Inselcamp organisiert hat. Niemandem habe er von seinen Plänen erzählt. Der Mann hat weder Frau noch Kinder. «Er sagt, dass er allein gehandelt hat. Das müssen wir jetzt sehr genau überprüfen», erklärte Sponheim.

Seit dem Frühjahr hatte Breivik sechs Tonnen Kunstdünger zusammengekauft, der zur Herstellung von Bomben geeignet war. Der Hobbyschütze hatte über Netzwerke im Internet Kontakte in die rechte Szene. Neun Jahre bereitete er die Tat laut seinem «Manifest» vor. Er soll nun auf seinen Geisteszustand untersucht werden. «Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat», so Verteidiger Geir Lippestad in örtlichen Medien. «Er wollte die Gesellschaft treffen. In seinem Kopf erlebt er es so, dass das, was getan hat, nicht strafbar ist.»

Die Beamten fürchteten, dass noch weitere Todesopfer entdeckt werden könnten. Rund um Utøya suchten Spezialisten am Sonntag nach mindestens vier Vermissten.

Bis Sonntagmittag zählten die Behörden 93 Tote und knapp 100 Verletzte: In Oslo starben sieben Menschen durch die Druckwelle der selbstgebastelten Autobombe. Auf Utøya gab es mindestens 86 Tote. «Jeder einzelne Tote ist ein unersetzlicher Verlust. Zusammen bedeuten sie eine nationale Tragödie», sagte Stoltenberg am Sonntag bei einem Trauergottesdienst in Oslo.

Die jungen Leute im Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF waren dem Täter arglos entgegengekommen. Er war als Polizist verkleidet. Als er auf die Teenager traf, hatten diese sich gerade versammelt, um mehr über den Anschlag zu erfahren, der nur kurz zuvor die nahe Hauptstadt erschüttert hatte. «Wir dachten, es wäre gut, die Polizei auf der Insel zu haben. Bis der Polizist plötzlich anfing, auf Leute zu schießen», sagte der Überlebende Pracon.

Augenzeugen schilderten das schrecklichen Geschehen im Camp. «Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich», berichtete die 22-jährige Nicoline Bjerge Schie in der Online-Ausgabe der Zeitung «Dagbladet». Die junge Frau hatte sich mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt.

Erst am Samstagmorgen wurde sich Norwegen der ungeheuerlichen Dimension des Geschehens bewusst. Am Vorabend war zunächst bekanntgeworden, dass rund zehn Menschen ums Leben gekommen waren. Dann sprachen die Behörden plötzlich von mehr als 80 Opfern, und im Laufe des Samstags zählte die Polizei immer mehr Leichen in den Gewässern rund um die nur 400 Meter breite Ferieninsel Utøya.

Auch im Wasser wurden die wehrlosen Opfer vom Schützen unter Beschuss genommen. Teenager, die verletzt am Boden lagen, soll er mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet haben. Campingtouristen, darunter Deutsche, kamen den Jugendlichen mit Booten zu Hilfe. «Als ich zehn aufgenommen hatte, war das Boot voll. Beinahe kenterte es. Zu bestimmen, wen ich mitnehmen sollte, war schrecklich», sagte Urlauberin Torill Hansen.

Ministerpräsident Stoltenberg sprach von der schlimmsten Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg. Er kennt die Insel aus seiner eigenen Teenagerzeit: «Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt.» Norwegens König Harald V. sprach von einem «Angriff auf unsere Gesellschaft und unsere Demokratie».

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert von den Anschlägen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat ebenso wie die Vereinten Nationen und die Europäische Union. Papst Benedikt XVI. warnte vor der Logik des Bösen. Bundespräsident Christian Wulff übermittelte König Harald V. seine Anteilnahme. Für die Ermordung friedlicher Bürger gebe es keine Rechtfertigung, schrieb Kremlchef Dmitri Medwedew.

Das Geschehen in Norwegen löste auch in Deutschland Beunruhigung aus. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sieht für die Bundesrepublik aber keine direkte Gefahr durch Terroranschläge von rechts. «Hinweise auf rechtsterroristische Aktivitäten liegen derzeit nicht vor», sagte er der «Bild am Sonntag».

Fanatische Täter wie Breivik wollen nach Ansicht des Psychoanalytikers Wolfgang Schmidbauer häufig als Held in die Geschichte eingehen. «Heldenmythen haben immer schon eine große Anziehungskraft auf junge Männer ausgeübt», sagte Schmidbauer der Nachrichtenagentur dpa.

Terrorismus / Kriminalität / Norwegen
24.07.2011 · 18:50 Uhr
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