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Magna und Stronach: Eine eigene Philosophie

Magna-Chef Frank StronachGroßansicht
Wien (dpa) - Über allem Handeln bei Magna schwebt eine eigene Philosophie, und sie hängt in jedem Werk an der Wand. Auf seine «Magna-Charta» ist der Autozulieferer sichtlich stolz. Es sind Thesen des Werkzeugmachers und Firmenlenkers Frank Stronach.

Sie handeln von Fairness und Harmonie, Rechten und Pflichten zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter. Stronach sehe Magna nicht nur als Unternehmen, sondern als «eine neue Wirtschaftskultur», wie in einer Firmenbroschüre zu lesen ist. Die Charta ist für jeden der mehr als 70 000 Mitarbeiter weltweit oberstes Gebot. Und das ist nicht das einzig Ungewöhnliche an diesem Unternehmen, dessen Geschichte ohne das Leben des nicht unumstrittenen Firmengründers schwer zu verstehen ist.

Auf die Opel-Mitarbeiter könnte mit Magna als neuem Besitzer ein Kulturschock zurollen. Anders als General Motors (GM), das Opel am kurzen Zügel hielt und aus Detroit detaillierte Vorgaben machte, setzt Magna auf eigenverantwortliche Standorte. Die Firmenzentrale kümmert sich vor allem um die Strategie. Magna versteht sich eher als eine Ansammlung mittelständischer, wirtschaftlich selbstständiger Einheiten unter einem gemeinsamen Dach, denn als Großbetrieb.

Dass bei bei Opel bald ein neuer Wind wehen könnte, spiegelt sich schon am Äußeren. Anders als das Opel-Stammwerk, eingezwängt in die Arbeiterstadt Rüsselsheim, liegt die Magna-Europazentrale im kleinen Oberwaltersdorf im weitläufigen Flachland südlich von Wien.

Kurz vor dem Ziel, der großen, zweistöckigen Magna-Villa, biegt man in eine ungewöhnliche Siedlung ein, fährt vorbei am firmeneigenen Golfplatz und einem künstlich angelegten Badesee. Für Mitarbeiter und Anwohner ist die Erfrischung kostenlos. Drumherum gruppieren sich - mitten in Österreich - Dutzende Villen im kitschig-amerikanischen Vorstadt-Stil. Eine Mustersiedlung wie aus einer Vorabendserie.

Die Bauvorgaben machte der heute 77-jährige Magna-Chef selbst. Als er 1980 seine Europazentrale auf der grünen Wiese gründete, wollte er nicht auf ein unbelebtes Umfeld blicken. Nach und nach verkaufte er umliegenden Grund, Neubesitzer mussten seinen stilistischen Wünschen folgen. So schaffte sich Stronach seine eigene heile Welt. Die für Österreich befremdliche Architektur wirkt zugleich wie eine Hommage an das Land, das ihn groß machte. An Kanada, wo in Aurora der Hauptsitz von Magna International angesiedelt ist.

Stronachs Leben, so erzählt man es gerne, verlief wie im Film: In den 60er Jahren wanderte er von Österreich nach Kanada aus, mit rund 200 Dollar in der Tasche. In einer Garage in Toronto gründete der gelernte Werkzeugmacher einen Ein-Mann-Betrieb und zog bald Aufträge vom großen US-Autokonzern GM an Land. 1969 fusionierte seine Firma mit einem Rüstungselektronik-Betrieb in Kanada. Es sind die Anfänge des Magna-Konzerns, den er zu einem der größten Autozulieferer der Welt ausbauen wird. 1981 stößt Stronach die Raumfahrttechnik ab und konzentriert sich auf die Automobilindustrie, 1998 verleibt sich Magna einen Nischenanbieter im Autobau, Steyr Daimler Puch, ein.

Der Konzern entwickelt und fertigt inzwischen nicht nur Autoteile wie Metallkarosserien, Sitzsysteme und Fahrgestelle, die Tochterfirma Magna Steyr baut auch schlüsselfertige Fahrzeuge für Daimler, Saab, BMW oder Chrysler. Der Zulieferkonzern mit angegliedertem Autobau erzielte 2008 einen Umsatz von 23,7 Milliarden Dollar. Unter dem Strich stand ein Plus von gut 70 Millionen Dollar. Doch hinterlässt die Wirtschaftskrise inzwischen auch hier deutliche Schleifspuren.

Gesteuert wird Magna unter anderem aus Stronachs österreichischem Arbeitszimmer. Im Gegensatz zur großzügigen Empfangshalle, einer Rotunde mit Säulen, und einem pompös geschwungenen Treppenaufgang mit poliertem Geländer wirkt das Chefzimmer im ersten Stock fast provozierend funktional: Enge 20 Quadratmeter, in der Ecke Papierstapel, auf dem Schreibtisch eine 100er-Packung Papiertücher. Von hier regiert der Konzernchef die Hälfte der Zeit sein kleines Imperium, die andere Hälfte arbeitet er von Kanada aus.

Allein in Deutschland hat Magna 35 Fabriken, weltweit sind es rund 240. Dabei versucht das Unternehmen, stets nur rund 300 bis 600 Mitarbeiter an einem Standort zu beschäftigen. Führungskräfte sollen nicht den direkten Draht zu ihren Mitarbeitern verlieren, heißt es. Wird ein Standort größer, versucht Magna - sofern die Produktionsprozesse es zulassen - einen Teil in ein neues Werk auszulagern.

Trotz aller Wirtschaftsethik - die immerhin dazu führte, dass Magna-Mitarbeiter schon zu einer Zeit mit zehn Prozent am Gewinn beteiligt wurden, als so etwas unter Unternehmern noch verpönt war - ist das Unternehmen in Krisenzeiten nicht zimperlich. Ein Werk mit rund 1400 Beschäftigten in den USA hat Stronach dichtgemacht.

Auf ganz soliden Füßen steht Magna allerdings selbst nicht. Die jüngsten Quartalszahlen waren tiefrot, weil der Zulieferer naturgemäß stark abhängig von den Autobauern ist. Deren Markt befindet sich seit geraumer Zeit im freien Fall. Alles nur vorübergehend, wiegelt die Zentrale ab.

Auto / Opel
10.09.2009 · 22:48 Uhr
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