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Magazin: Neue Erkenntnisse über Affäre um Schweizer Geiseln in Libyen

Tripolis (dts) - Der Streit um die beiden Schweizer, die fast zwei Jahre vom Gaddafi-Regime in Libyen festgehalten worden waren und erst nach intensiven diplomatischen Bemühungen dieses Jahr wieder freikamen, war weitaus gefährlicher als bislang bekannt. Das geht aus den jetzt öffentlich gewordenen amerikanischen Botschaftsberichten hervor, berichtet das Nachrichtenmagazin "Spiegel" in seiner am Montag erscheinenden Ausgabe. Depeschen aus Tripolis zeigen demnach, wie hilflos die Schweizer Diplomaten während der Affäre agierten, wie isoliert sie von den Botschaftern der EU waren und wie die USA die Schweiz in jenen Monaten heimlich unterstützten.

Auslöser der Krise war die vorübergehende Festnahme eines Gaddafi-Sohns im Juli 2008 in Genf – zwei Bedienstete des Libyers hatten sich über angebliche Misshandlungen beklagt. Aus Rache kappte die Herrscherfamilie in Tripolis die Handelsbeziehungen mit Bern und setzte zwei in Libyen arbeitende Schweizer fest. Die Schweizer Diplomaten in Tripolis kritisierten gegenüber den Amerikanern das lasche Vorgehen ihrer Außenministerin Micheline Calmy-Rey in der Affäre. Ihr fehle, so gibt der US-Botschafter seinen Schweizer Kollegen wieder, das Verständnis für die libysche Sicht. In den Depeschen spielt auch der Plan eine Rolle, die Geiseln durch einen Militäreinsatz zu befreien. Erheblich waren offenbar die Unstimmigkeiten zwischen der Schweiz und den EU-Staaten. Als effektivstes Mittel im Kampf gegen Libyen hatte Bern damals sein Vetorecht als Schengen-Mitglied entdeckt: Es versuchte, Mitgliedern des libyschen Regimes die Einreise nach Europa zu verwehren – Staaten wie Portugal oder Italien aber lehnten den politischen Gebrauch des Vetos ab und leisteten den Schweizern in der Geiselaffäre deswegen kaum noch Hilfe. Als Libyen im Gegenzug allen Bürgern aus Schengen-Staaten die Einreise verweigerte, drohte aus der schweizerisch-libyschen eine gesamteuropäische Affäre zu werden. Der US-Botschafter warnte die Regierung in Washington vor einer "hochkarätigen Krise": Die Deutschen seien das einzige EU-Land, das noch hinter der Schweiz stehe.
Libyen / Schweiz / Weltpolitik
05.12.2010 · 09:00 Uhr
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