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Lynchmord - Fördert Facebook die Selbstjustiz?

Die Polizei hat einen Verdacht. Es gibt Indizien, die den 17-Jährigen sogar dringend tatverdächtig machen. Ein siebenjähriges Mädchen wurde sexuell missbraucht und getötet. Ein grauenvolles Verbrechen, ganz Emden ist erstarrt. Das Alibi dieses Jugendlichen erweist sich als falsch, er verwickelt sich in Widersprüche. Doch Beweise sind das nicht, und er streitet die Tat ab.

Ein 18-jähriger Emder jedoch scheint völlig sicher zu sein: Das ist der Mörder. «Lasst uns die Polizei stürmen und den Kerl rausholen», tippt er am 29. März gegen 22 Uhr in das Feld «Was machst du gerade?» auf Facebook.

50 Leute fühlen sich davon angesprochen, sie rotten sich vor der Emder Polizeidienststelle zusammen und fordern im Chor, den Verdächtigen herauszugeben. Stundenlang «demonstrieren» sie vor der Wache, die Beamten sind hilflos gegen den Mob. Erst um 4 Uhr morgens ist Ruhe. Ein neuer Tag beginnt im Emder Albtraum, im Laufe dessen ein DNA-Test beweist: Der 17-Jährige ist unschuldig.

Stammtischparolen werden nicht umgesetzt

Was wäre gewesen, hätte die wütende Meute den jungen Mann in die Finger bekommen? Hätte sie ihn zu Tode geprügelt? Der 18-jährige Anstifter zumindest ist heute, noch bevor der Mord an der kleinen Lena verhandelt wird, wegen Aufrufs zum Lynchmord verurteilt worden. Er muss für zwei Wochen in Dauerarrest.

Was da in Emden passiert ist, hat alle erschreckt. Die Ermittler, die am Tag darauf in der Pressekonferenz sehr eindringlich darum bitten, von Vorverurteilungen abzusehen. Das ganze Land, das sich fragt: Wie schnell werden wir wieder zu Barbaren? Vor allem die Emder selbst, die zwei Wochen später auf die Straße gehen, um sich solidarisch zu zeigen mit den Eltern des ermordeten Mädchens und dem zu Unrecht beschuldigten jungen Mann. Ob sie ebenso reagiert hätten, wenn sich der 17-jährige doch als Mörder der kleinen Lena herausgestellt hätte, werden wir nie erfahren.

Selbstjustiz in Deutschland, angeheizt durch die Flashmob-Kultur der Sozialen Netzwerke – lauert hier eine neue Gefahr? Der Kriminologe Professor Hans-Jörg Albrecht, Direktor des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg, bleibt ganz ruhig. An die klassischen Systeme für Selbstjustiz komme das Ereignis nicht heran, sagt er: «In Emden hat sich eine Dynamik entwickelt, aber ich bin nicht einmal sicher, ob die Drohungen ernst gemeint waren. Die Aktivität ging nicht von einer Gruppe aus, sondern die meisten sind nur aus Neugier dem Aufruf gefolgt. Letztlich haben 50 Hanseln dort herumgestanden. Niemand konnte sich dazu durchringen, die Tür einzuschlagen, das Präsidium wirklich anzugreifen.»

Für ihn ist der Fall eher ein Zeichen dafür, dass hierzulande das staatliche Gewaltmonopol funktioniert. Dass verbale Übergriffe vom Kaliber «hängt den Kindermörder», wie sie der Stammtisch drischt, letzten Endes eben nicht in Aktion umgemünzt werden. «Ausgesprochen ist so etwas leicht, aber es verfängt nicht», sagt Albrecht.

Selbstjustiz entsteht, wo der Staat scheitert und Korruption regiert

Selbstjustiz hingegen geschieht in einem Umfeld, in dem entweder kein staatliches Rechtssystem existiert oder dieses kläglich scheitert und in Korruption versandet. In Mexiko, Venezuela, Kolumbien, im Kongo, in Togo, auf Haiti, aber auch im europäischen Albanien sterben jedes Jahr Tausende durch Killer, Paramilitärs, Milizen. Doch nicht nur kriegsähnliche Zustände führen zur Selbstjustiz. In Bolivien zum Beispiel nimmt die Zahl der Lynchmorde in kleinen Dörfern offenbar wieder zu. Da werden Fremde ausgepeitscht, weil sie billige Waren verkaufen. Die Bewohner greifen auf das archaische Rechtssystem zurück, das früher die einzige Möglichkeit war, Recht zu finden.

Der in Deutschland bekannteste Fall von Selbstjustiz geschah 1981 in einem Lübecker Gerichtssaal. Marianne Bachmeier erschoss den Mörder ihrer siebenjährigen Tochter Anna. Dies sei ein durch wilden Schmerz verursachter Extremfall, sagt Professor Albrecht. Keine typische Selbstjustiz, sondern ein Akt blinder Rache, der nichts mit mangelnden rechtsstaatlichen Mechanismen zu tun hatte. Schließlich sollte der Mörder ihrer Tochter gerade verurteilt werden.

Ein Lynchmord ist keine Geburtstagsparty

2008 konnten sich in einer Forsa-Studie 44 Prozent der Befragten vorstellen, dass jeder Mensch unter bestimmten Umständen einen Mord begehen könnte. Tatsächlich passiert dies glücklicherweise äußerst selten. Obgleich eine Umfrage der Roland Rechtsschutzversicherung 2010 ergab, dass 56 Prozent der Befragten Urteile der deutschen Justiz nicht gerecht finden, respektiert die breite Mehrheit Recht und Gesetz. «Das sind Meinungsäußerungen, ich halte das für übertrieben. In der Realität greifen hemmende Faktoren, die eine Person davon abhalten, bis zum Äußersten zu gehen», stuft Professor Adolf Gallwitz, Psychologe und Sozioloage an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen, die Studien ein.

Anzeichen für ein hohes Potential zu Selbstjustiz sind solche Umfragen nicht, da sind sich die Experten einig - Katalysator Facebook hin oder her: «Es gibt kein Gefährdungspotenzial, das durch soziale Netzwerke verstärkt werden kann», betont Professor Hans-Jörg Albrecht. Ein Lynchmord ist eben keine Geburtstagsfeier, bei der plötzlich Tausende auftauchen.

[news.de] · 30.05.2012 · 10:17 Uhr
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