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Luis Urzúa: Kapitän unter einem Meer aus Felsen

Luis Urzua (l)Großansicht

Bergwerk San Josè (dpa) - Wochenlang haben die 33 Kumpel in der chilenischen Unglücksmine ein Extrem zwischen Hoffnung und Todesangst durchlitten. Dann ging es für sie aus gut 600 Metern Tiefe endlich wieder nach oben.

Ihr Chef Luis Urzúa kehrte dem dunklen Verlies als letzter den Rücken. Ganz so wie ein Kapitän, der sein havariertes Schiff erst dann verlässt, wenn alle anderen in Sicherheit sind.

Urzúa, der Schichtleiter der «mineros», ist 54 Jahre alt und seit drei Jahrzehnten Bergmann. Er hat kräftiges gekräuseltes Haar und sein Wort unter Tage so viel Gewicht wie ein militärischer Befehl. Am 5. August fuhr Urzúa mit den Kumpeln hinab und sah sich auf einmal mit einer Verantwortung konfrontiert, die so lange noch nie zuvor ein Mensch unter Tage hatte schultern müssen: Als der Stollen einstürzte, hing das Überleben der 32 Männer plötzlich auch an seinen Entscheidungen.

Er schickte die Männer in eine vermutlich sichere Ecke und nahm nur einige Kumpel mit zur Erkundung der Lage. Als Schichtleiter war der 54-Jährige auch Kartograph - er zeichnete die Orientierungskarten für die Schächte der Gold- und Kupfermine. Als Urzúa feststellte, dass alle gefangen waren, rationierte er die wenigen Vorräte: Pro Mann gab es zwei Löffel Thunfisch und ein halbes Glas Milch - alle 48 Stunden.

Dann sorgte der Chef für Routine: Mit seiner Kenntnis der Mine war er überzeugt, dass nicht nur der kleine Schutzraum sicher war, in den die Gruppe zunächst geflüchtet war. Er teilte die verbliebenen Gänge und Schächte daher auf: Es gab Raum für die sanitären Bedürfnisse und einen Schlafbereich. Damit ein Rhythmus gewahrt blieb, sorgte Urzúa mit dem Licht von Maschinen und Fahrzeugen für eine Art Tageszone.

Es dauerte rund zwei Wochen, bis die Verschütteten einen Hinweis erhielten, dass überhaupt nach ihnen gesucht wird. Durch ein winziges Bohrloch, das sie erreicht hatte, schickten sie einen Zettel mit der Botschaft hinauf: «Hier sind 33 Personen. Wir sind alle am Leben.»

Der Präsident des Landes, Sebastián Piñera, schwenkte das Stück Papier und sagte gut 600 Meter über den Gefangenen: «Das kam heute aus der Tiefe der Mine. Es sagt, wir sind am Leben, wir sind zusammen und wir hoffen, dass wir das Licht der Sonne wiedersehen und unsere Familien wieder umarmen.» Unten musste Urzúa die Nerven behalten. Er selber ist verheiratet und hat zwei Kinder: Noelia, 25 und Luis, 22.

Als regelmäßiger Kontakt nach oben möglich war, ließ der 54- Jährige die Welt wissen: «Unter einem Meer von Felsen hoffen wir, dass sich ganz Chile anstrengt, um uns aus dieser Hölle rauszuholen.»

Der Schichtführer erstellte Stundenpläne für die Kumpel. Das bange Warten in der «Hölle» unter Tage sollte mit Training erträglicher werden. Die Männer durften nicht zu dick werden, um die Rettung nicht zu gefährden. Depressionen, Alkohol- und Drogensucht, das «Meer von Felsen» zwischen den Arbeitern und ihren so schmerzlich vermissten Angehörigen - es war an Urzúa, das alles nicht eskalieren zu lassen.

Schließlich stieg der Schichtleiter als letzter in die schmale Rettungskapsel. Um 02.55 Uhr deutscher Zeit am Donnerstag hatte auch er sein «Glückauf». Die BBC kommentierte live: «Das ist DER Moment.» Neben Urzúa sprühten Champagnerfontänen, es regnete Konfetti, Luftballons stiegen auf. Präsident Piñera - er gilt als einer der Reichsten der Welt - umarmte den Bergmann Urzúa mit Tränen in den Augen. Und dann sagte er zu dem Kapitän, der als letzter der 33 aus dem Felsenmeer gekommen war: «Sie haben Ihre Aufgabe erfüllt.»

Notfälle / Chile
14.10.2010 · 23:00 Uhr
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