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Löw: «Die großen Kämpfe geben mir den Kick»

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Durban (dpa) - Joachim Löw macht der Job als Bundestrainer «überwiegend viel Spaß». Seine Zukunft als Cheftrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft will er «zeitnah» nach der WM klären, kündigte der 50-Jährige im Interview der Nachrichtenagentur dpa an.

Gibt es einen schöneren Job als Fußball-Bundestrainer?

Löw: «Teilweise nicht, aber es gibt auch schwierige Phasen.»

An welche denken Sie da?

Löw: «Über die Jahre hinweg gab es immer mal Phasen, in denen man als Bundestrainer das Gefühl hat, alle wissen die Dinge besser als der Bundestrainer selbst. Es gibt immer viele verschiedene Meinungen. Das macht die Sache nicht immer ganz so einfach.»

Akzeptieren Sie es trotzdem, dass rund um die deutsche Nationalmannschaft halt alle in Deutschland mitreden wollen?

Löw: «Ja, klar. Das macht den Fußball auch interessant. Man spürt daran, dass ein unglaublich großes Interesse an der Nationalmannschaft herrscht. Überwiegend macht der Job viel Spaß, gerade wenn man die Mannschaft zusammen hat wie jetzt. Weniger Spaß macht es, wenn man nur zwei Tage Vorbereitung hat auf ein Spiel.»

Auf 50 Länderspiele als Bundestrainer können Sie - die erste WM-Partie gegen Australien schon eingerechnet - zurückblicken. Welche sind Ihnen am meisten haften geblieben?

Löw: «Es ist kein einzelnes Spiel. Es sind verschiedene Momente, an die man sich im Laufe von sechs Jahren als Bundestrainer und zuvor in der Zeit an der Seite von Jürgen Klinsmann erinnert. Ich erinnere mich auch an die Anfänge, wie schwierig es 2004 war mit ganz wenigen jungen Spielern. Ich erinnere mich an das Elfmeterschießen gegen Argentinien bei der WM 2006, an die Spiele bei der EM vor zwei Jahren. Der Sieg gegen Portugal war ein Klassespiel. Auch die beiden Siege in der WM-Qualifikation gegen Russland sind haften geblieben. Vor 80 000 Zuschauern in Moskau zu bestehen, das macht den Fußball aus.»

Geben Ihnen diese großen Momente den Kick?

Löw: «Die großen Wettkämpfe geben mir den Kick. Ich liebe die großen Wettkämpfe, die Turniere, die Alles-oder-Nichts-Spiele, wo es um unheimlich viel geht, wo Brisanz drinsteckt. Die sind mir lieber als irgendwelche Freundschaftsspiele oder Vorbereitungsspiele mit der Nationalmannschaft. Ich liebe diese prickelnde Atmosphäre.»

Wie viele Stunden hat Ihr WM-Arbeitstag?

Löw: «Der Tag beginnt morgens gegen acht. Nach dem Frühstück gibt es die Trainingsvorbereitung. Nachmittags gibt es Dinge mit den Spielern zu besprechen. Nach dem Abendessen gibt es eine Aufarbeitung des Tages mit den Trainern und dem Manager und weitere Sitzungen. Bis um 23.30 Uhr sind wir schon beschäftigt mit dem Fußball und den Spielern.»

Greifen Sie abends im Zimmer mal zu einem Buch oder schlafen Sie auch noch in Gedanken an den Fußball ein?

Löw: «Nein. Ich versuche schon, mich etwas auf andere Gedanken zu bringen. Auch wenn es manchmal nur eine Viertelstunde ist. Und die Gedanken für einen Moment abschweifen zu lassen, das gelingt mir eigentlich ganz gut.»

Funktionieren Sie hier nur in Ihrem Team, mit den Trainern, mit Manager Oliver Bierhoff, mit den vielen Betreuern?

Löw: «Es ist insgesamt eine hohe Verantwortung für Oliver Bierhoff und mich. Wir sind nicht nur für die Spieler, sondern auch für das, was drumherum passiert, verantwortlich. Wir sind auch ständig in die Prozesse wie Organisation und Logistik integriert. Alleine würde das nicht funktionieren. Wir haben eine sehr gute Arbeitsteilung. Ich delegiere mittlerweile sehr viel. Gerade Hansi Flick, Andy Köpke und Urs Siegenthaler nehmen mir sehr viel ab. Ich kann ihnen viele Dinge auftragen, bei denen ich weiß, sie sehen sie mit meinen Augen. Dieses Trainerteam und das Team drumherum funktionieren sehr gut. Ohne das wäre das alles so nicht möglich. Das spart mir viel Energie und viel Zeit.»

Es war zu lesen, dass die WM 1970 in Mexiko die erste war, die Sie bewusst am Fernsehen mitverfolgt haben. Was bedeutet es Ihnen, jetzt selbst Hauptdarsteller bei einer Weltmeisterschaft zu sein?

Löw: «Als Zehnjähriger hat man die ganze Dimension so einer WM weniger realisiert. Man hat auf Deutschland geschaut und das eine oder andere Idol. Ich erinnere mich an das Viertelfinale gegen England und das Halbfinale gegen Italien, als Uwe Seeler und Gerd Müller die Tore für Deutschland gemacht haben. Aber ich sehe mich jetzt hier nicht als Hauptdarsteller, sondern als Teil eines Teams. Ich freue mich, dass ich mittendrin bin bei so einem Weltereignis.»

Sie haben gesagt, dieser Mannschaft gehört die Zukunft. Kann es nach der WM eine Zukunft ohne Sie sein?

Löw: «Ich sehe diese Mannschaft für noch mehr entwicklungsfähig an als die von 2006 und 2008. Nach der WM 2006 wusste man, dass es Richtung EM 2008 Veränderungen geben wird. Und nach 2008 wusste ich, dass noch vermehrt Veränderungen vorangetrieben werden mussten. Diese Mannschaft aber ist bis auf zwei, drei Spieler wie Jörg Butt oder Miroslav Klose in der Lage, noch über längere Zeit zu spielen. Die Podolskis & Co. haben schon viel Erfahrung, aber sie stehen mitten in ihrem Fußballleben. Dazu haben wir hier sieben, acht, neun ganz junge Spieler - von daher denke ich, dass diese Mannschaft nach dem Turnier nicht so einen Wandel vollziehen wird.»

Und bleiben auch Sie dem Team bei dieser Entwicklung erhalten?

Löw: «Ob ich noch dabei sein werde, wird sich nach dem Turnier entscheiden. Ich habe grundsätzlich wieder ein sehr gutes Verhältnis zum DFB-Präsidenten nach den gescheiterten Verhandlungen. Wir haben uns ausgesprochen. Die Vorgabe von beiden Seiten war, nach der WM zu reden und nicht vorher. Wir werden uns zeitnah zusammensetzen nach dem Turnier und analysieren, was geschafft worden ist und wie man man weitermachen möchte. Alles ist möglich.»

Fußball / WM / Deutschland / Inteview
13.06.2010 · 22:51 Uhr
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